Innovation im Netz

Neue Zeiten für technische Innovationen: global verteilt und heterogen vernetzt

Für kritische Kommentare zu einer früheren Fassung meiner These danke ich Ulrich Beck, Christoph Deutschmann und Renate Mayntz. Sie ist unter dem Titel "Auf dem Weg zu einer post-schumpeterianischen Innovationsweise: Institutionelle Differenzierung, reflexive Modernisierung und interaktive Vernetzung im Bereich der Technikentwicklung" in Daniel Bieber (Hrsg.); Technikentwicklung und Industriearbeit. Frankfurt/M. 1997 erschienen. Die vorliegende Version weicht stark davon ab, so daß sie nicht alle aufgeworfenen Fragen befriedigend klären kann. Sie geht auf einen englischsprachigen Vortrag zurück, den ich auf Einladung von Scott Lash auf der Tagung "Time and Value" an der University of Lancaster gehalten habe.
Werner Rammert

1. Das Paradox der Innovation und das Problem der Koordination

Innovation ist ein zentraler Imperativ der modernen Gesellschaft. Zweifellos veränderten sich auch in vormodernen Gesellschaften die Techniken, Ideen und Praktiken mit der Zeit. Aber die Moderne unterscheidet sich von ihnen mindestens in den beiden Punkten, daß Innovation bewußt begünstigt und institutionell gefördert wird. Innovation rangiert ganz oben in ihrer Wertehierarchie.

Die technische Innovation, um die es in diesem Beitrag wesentlich geht, kann als besonderes, aber grundlegendes Merkmal des modernen Industriekapitalismus angesehen werden. Karl Marx pries ihre emanzipatorische Kraft, die Produktion von den Schranken der Natur und den Bindungen der Tradition zu befreien. Gleichzeitig kritisierte er die Konsequenzen der kapitalistischen Innovation, den menschlichen Arbeitsrhythmus in das maschinelle Zeitregime zu zwängen und alle Werte, auch diejenigen, auf die sie baute und die sie selber schuf, berufliche Fertigkeiten wie Methoden und Mittel der Fertigung, vor der Zeit zu entwerten. Karl Marx sah weniger die Ambivalenz der technischen Innovation selbst, sondern mehr ihre ambivalente Funktion für die kapitalistische Wirtschaft, Schrittmacher der technischen Verbesserung und gleichzeitig Ursache für Krisen der Kapitalverwertung zu sein.

Das Paradox der Innovation hat Joseph Schumpeter am deutlichsten gesehen: "...gewöhnlich wird nur das Problem betrachtet, wie der Kapitalismus mit bestehenden Strukturen umgeht, während das relevante Problem darin besteht, wie er sie schafft und zerstört"[1]. Schumpeter kennzeichnete die doppelte Dynamik der Innovation als "schöpferische Zerstörung". Es sind im wesentlichen die Innovationshandlungen risikofreudiger Unternehmer und deren unbeabsichtigte Nebenfolgen, welche die Dynamik des Kapitalismus in Gang halten. Weder das protestantische Prinzip der Zeitersparnis und Rationalisierung noch der kapitalistische Drang zu Kalkulation und Kontrolle können ausreichend die Ausbreitung und Beschleunigung dieser Dynamik erklären. Innovation ist eine kreative Handlung, in der neue Kombinationen von Methoden und Maschinen situativ geschaffen werden und gleichzeitig alle bisher produzierten Werte, bestens funktionierende Fabrikanlagen wie höchste Fähigkeiten der Arbeitskräfte, radikal entwertet werden. Man verfehlte diese immanente Paradoxie, begriffe man die Innovation entweder - wie in der Welt der Ökonomie - als Akt rationaler Wahl zwischen technischen Angeboten oder - wie in der Welt der ökologischen Bewegung - als normative Entscheidung für alternative Techniktypen.[2]

Gegenwärtig mehren sich die Anzeichen dafür, daß die bisherige Dynamik technischer Innovation in Industrie und Wissenschaft aus dem Tritt gekommen ist. Im Werkzeugmaschinenbau, dem traditionellen Rückgrat produktionstechnischer Entwicklung, machen sich Zeichen deutlicher "Innovationsschwächen" bemerkbar.[3] In der Automobilindustrie, dem Motor moderner Volkswirtschaften, haben die fernöstlichen Hersteller die westlichen Produzenten nicht nur das Fürchten gelehrt. Sie haben zum ersten Mal den Richtungspfeil der Innovation umgekehrt und mit neuen Methoden und Modellen der Rationalisierung weltweit Maßstäbe gesetzt und das Tempo bestimmt.[4] Auf vielen Hochtechnologiefeldern, wie der Mikroelektronik, der Informationstechnik, der Telematik und der Biotechnik, denen für eine "andere Moderne" strategische Bedeutung vorausgesagt wird, werden für Deutschland beträchtliche "Lücken" diagnostiziert.[5] Die andauernden Diskussionen über die Globalisierung und die Folgen für den Innovationsstandort Deutschland signalisieren, daß das eingespielte Innovationsregime Probleme hat, sich auf eine veränderte Innovationsdynamik mit rascheren Produktentwicklungen und radikaleren Neuerungen im globalisierten Wettbewerb einzustellen.[6]

Die "Innovation über den Markt" und die "Innovation durch Organisation" - so möchte ich aufzeigen - sind durch ihren Erfolg an ihre Grenzen gekommen. Der Typus "Innovation über den Markt" entspricht der Schumpeterianischen Innovationsweise: Erfinder-Unternehmer entwickeln mit neuen Produkten gleichzeitig neue Produktionsverfahren und neue Märkte. Kauf und Verwertung von Patenten durch Unternehmen gehören dazu wie Eigentumssicherung und Unternehmensgründung durch Wissenschaftler und Erfinder. Von den Brüdern Siemens bis zu Bill Gates zeigt sich, daß der Erfolg dieses Modells in der Pionierphase einer Industrie zum Hindernis für die Nachfolger wird. Der Typus "Innovation durch Organisation" schiebt sich in der Stabilisierungsphase in den Vordergrund. Innovation wird in die geregelten Bahnen gradueller Verbesserung, industrieller Forschung und Entwicklung und staatlich geregelter Großforschung gelenkt. Die Erfolge, wie die gezielte Entwicklung der Atombombe oder die strategische Beherrschung von Technologiefeldern, führten wiederum in die Krise. Wenn Innovation zur Routine wird, können kleine Innovationen große Konzerne oder ganze Industrien erschüttern. Die Risiken der Einäugigkeit und Blindheit für die Folgen können einstige Errungenschaften, wie die Atomkraft, in Katastrophen verwandeln.

Angesichts der angedeuteten Symptome für eine Innovationskrise, den sich abzeichnenden empirischen Veränderungen in den Mustern der Innovationsverläufe (siehe weiter unten Kapitel 3.2) und vor dem Hintergrund der sozialwissenschaftlichen Diagnose einer "radikalisierten" und "reflexiven Modernisierung"[7] werde ich hier die These entwickeln, daß sich gegenwärtig eine neues Innovationsregime herausbildet, welches sich im wesentlichen auf den Typus "Innovation im Netz" gründet. Dieser Typus entsteht neben den anderen, ersetzt sie nicht, entwickelt sich aber zum dominaten Typus. Er ist als Konsequenz der beiden anderen entstanden, gleichsam als Reflex auf deren unbeabsichtigte Folgen und unter Reflexion der beteiligten Akteure über deren Blindheiten und Unzulänglichkeiten. Die Routinen der modernen Innovation werden reflexiv: Eine Innovation der Innovation ist in Gang gekommen und fordert ein neues institutionelles Arrangement, ein Innovationsregime nach Schumpeter und jenseits der ersten Moderne.

Um erst einmal das Tempo und die Eigenart der modernen Innovation zu verstehen, werde ich im zweiten Teil zu den Anfängen der modernen Gesellschaft zurückkehren. Entgegen üblichen asymmetrischen Vorstellungen von traditionellen und modernen Gesellschaften - die einen beruhten auf blinder Repetitivität und Reziprozität der Handlungen, die anderen gründeten auf aufgeklärter Kreativität und differenzierter Funktionalität - soll gezeigt werden, wie in beiden Formen der Vergesellschaftung mit dem Paradox der Innovation umgegangen wurde. Die Entfesselung des Prometheus, wie man die Entbettung der technischen Innovation aus den Traditionen der Zünfte und Autoritäten mit aufklärerischem Pathos bezeichnete, ging einher mit einer neuen Anbindung an die Wissenschaft und an die Wirtschaft. Die Beschleunigung des Innovationstempos durch Befreiung von lokalen Fesseln ging also einher mit einer Wiedereinbettung in neue institutionelle Traditionen.

Die Konsequenzen dieser institutionell differenzierten Weise moderner Innovation sind Gegenstand des dritten Teils. Der Erfolg der Modernisierung der Innovation in der Wissenschaft und der Industrie hat unbeabsichtigt zur Globalisierung der technologischen Systeme, zur Beschleunigung des Innovationstempos und zur Heterogenisierung der beteiligten Institutionen beigetragen. Damit hat sie sich selbst den Boden unter den Füßen weggezogen: Die Standardformen von Innovationsverläufen lösen sich auf. Die normale Rückkopplung zwischen den Instanzen der Innovation reicht nicht mehr zur Koordination aus. Die Tempounterschiede zwischen den institutionellen Feldern lassen sich immer schwieriger synchronisieren. Denn die Beschleunigung des Tempos folgt auf jedem Feld einem anderen Rhythmus und vergrößert die Dissonanzen im gesamten Konzert der Innovation.

Wie sich aus dieser reflexiven Modernisierung der Innovation ein neues Innovationsregime herausbilden kann, das die globale Verteiltheit der Handlungen, die Heterogenität der beteiligten Agenten und die Polyrhythmik der Verläufe, also die ganze Spannbreite der Paradoxie der Innovation verkraftet und kreativ nutzt, wird zum Schluß diskutiert. Moderne Gesellschaften stützen sich bisher vor allem auf zwei Mechanismen der Koordination: Märkte und hierarchische Organisationen. Eine liberale Politik der "Innovation durch Märkte" setzt auf Deregulation. Sie vermag zwar durch den Abbau gesetzlicher und bürokratischer Hindernisse den Innovationsprozeß zu beschleunigen. Aber sie riskiert gleichzeitig, die Zeiten für den Transfer und die Übersetzung zwischen den verschiedenen Feldern auszudehnen. Eine neo-korporatistische Politik der "Innovation durch Organisation" fördert die Entdifferenzierung. Sie vermag zwar heterogene Kräfte und Felder unter gemeinsame Prioritäten und Leitprojekte zu bündeln. Aber sie riskiert, viele andere unternehmerische Innovationsinitiativen auszuschließen und die wissenschaftliche Kreativität durch vorzeitige Funktionalisierung zu bremsen. Gesucht wird also ein neuer Koordinationsmechanismus, der die unerwünschten und unbeabsichtigten Folgen von Markt und Hierarchie vermeidet. Ich werde zeigen, daß Netzwerke über die besondere Fähigkeit verfügen, die institutionellen und zeitlichen Unterschiede im heterogen verteilten System der Innovation aufrechtzuerhalten und gleichzeitig aufeinander abzustimmen. Die "Innovation im Netz" kann als adäquate institutionelle Antwort auf die Herausforderung der reflexiven Innovation und ihrer Koordinationsprobleme angesehen werden. Das post-schumpeterianische Innovationsregime unterscheidet sich von seinen Vorgängern dadurch, daß weder einzelne risikofreudige Erfinder-Unternehmer noch ein einzelner Weltkonzern, weder die wissenschaftliche Großforschung noch die staatliche Forschungsbürokratie allein Ton und Tempo der Innovation angeben können, sondern Innovationsnetzwerke in den Rang eines zentralen Agenten aufrücken.

2. Rhythmen und Felder der technischen Innovation - Traditionen in der Moderne

2.1 Eingebettetheit und Entbettung innovativen Handelns

Das Kriterium, zu innovativen Handlungen fähig zu sein, muß häufig dafür herhalten, den kreativen, lernenden und werkzeugmachenden Menschen vom instinkt-gebundenen Tier abzugrenzen. Auf innovatives Handeln, nämlich Neues zu schaffen und zu nutzen, wird auch gerne hingewiesen, wenn es gilt, die moderne von vormodernen Gesellschaften abzusetzen, die durch repetitives, routinisiertes und ritualisiertes Handeln gekennzeichnet seien. Dezentrieren wir unsere Beobachterposition als Menschen und Moderne[8], fällt die Tatsache ins Auge, daß die Praxis der Innovation weder auf die menschliche Gattung noch auf die moderne Gesellschaft beschränkt werden kann.

Ohne Zweifel zeigen Affen und Vögel zeitweise neue Verhaltensmuster. Manchmal werden sie auch von den anderen Artgenossen übernommen. Der situative Gebrauch von Werkzeug und Zeichen kann ebenfalls bei ihnen beobachtet werden. Aber Tiergesellschaften - das können wir jetzt schärfer sehen - verfügen über keine Gedächtnistechnologie, wie Sprache und Technik. Die Sprache würde es ihnen erlauben, den Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Muster zu markieren. Die Technik würde es ermöglichen, das neue Muster zu materialisieren und über längere Zeit zu reproduzieren. Das innovative Verhalten der Tiere kann also nur nicht gehärtet und haltbar gemacht werden.

Auch vormoderne Gesellschaften kennen den Strom der Innovation. Ihre Mitglieder schätzen und fürchten seine magische Kraft. Sie versuchen, sie in besondere Territorien der Magie und der Medizin, des Ritus und der Religion zu bannen und sie auf diese Weise unmerklich und vermittelt in die Traditionen und Rhythmen ihres sozialen Lebens zu integrieren. Andernfalls, wenn Innovationen nicht in lokale Traditionen eingebunden werden konnten, wurden ihre Verkörperungen und ihre Urheber verbannt oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Innovative Handlungen wurden wie andere abweichende Handlungen, wie kriminelles, ketzerisches oder geisteskrankes Verhalten, immer nur dann bestraft, wenn sie die herrschenden Institutionen oder die Solidarität der traditionellen Gesellschaft bedrohten.

Daher müssen wir uns nicht mehr darüber wundern, wenn manche Historiker uns in den letzten Jahrzehnten ein neues Bild von der Innovation im Mittelalter zeichnen. Trotz der spektakulären Sanktionen innovativen Handelns in dieser Zeit waren die feudalen Gesellschaften reich an technischen Innovationen. Sie fanden vor allem auf den Feldern von Ackerbau und Kriegswesen, von Bergbau und Handwerk, von Schiffsbau und Kirchenarchitektur statt. Sie kulminierten im 14. Jahrhundert derart, daß einige Mediävisten sogar von einer frühindustriellen Revolution im Mittelalter sprechen.

Im allgemeinen jedoch kann die technische Entwicklung in vormodernen Gesellschaften als ruhiger, kumulativer und kontinuierlicher Strom kaum wahrnehmbaren Wandels charakterisiert werden. Die langsame Evolution des Steigbügel, des Pflugs und der Drei-Felder-Wirtschaft, wie sie Lynn White nachgezeichnet hat,[9] sprechen für die "longue durée" im Rhythmus der vormodernen Innovation. Sie kannte weder individuelle Erfinder noch bedeutsame Brüche. Die Wogen der Innovation wurden durch die institutionellen Ordnungen der Kirche, des Rittertums und der städtischen Zünfte geglättet. Die innovativen Handlungen blieben in die räumlich segmentierten lokalen Praktiken der Handwerker, Händler und Künstler eingebettet.

Die moderne Innovation kommt auf, wenn die innovativen Handlungen aus den lokalen Traditionen entbettet, überlokal gesammelt und interlokal verglichen werden. Forschungspraktiken werden gegenüber Routinepraktiken betont. Kreative Tätigkeiten werden von der Routine abgegrenzt und zu besonderen Rollen des Ingenieurs oder des Forschers gebündelt.[10] Die Neuerer befreiten sich von den traditionellen Banden des Handwerks und des Handels, indem sie aus der örtlichen Kontrolle der Städte und Höfe flüchteten. Mühlen außerhalb der Stadttore und Bergminen weit weg von Burgwällen entwickelten sich zu den bevorzugten Plätzen technischer Innovation. Der Bau und die Verbesserung von Wasserpumpen war zum Beispiel nicht mehr länger in die lokale Routine der Bergbauarbeit integriert, sondern spaltete sich zur besonderen Aufgabe der "mechanici", den Vorläufern der modernen Ingenieure, ab. Sie sammelten und verglichen die technischen Praktiken und Maschinenbeschreibungen von verschiedenen Plätzen. Die Aufmerksamkeit verschob sich von den lokalen zu den interlokalen Bezügen. Diese "Interlokalität" schuf einen Rahmen der Selbstreferenz, der an relativer Autonomie gegenüber den traditionellen Einbettungen gewann. Mechanische Innovation wurde auf mechanische Innovation bezogen: die innovativen Handlungen wurden rekursiv. Dieser Prozeß begann mit den ersten Büchern über Mechanik und Maschinationen und mündete in die Bildung von ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen. Befreit von den Fesseln der örtlichen Traditionen und Autoritäten, konnte die moderne Innovation ihren eigenen Rhythmus entwickeln, der an die Temposteigerung des "Accelerando", z. B. in Maurice Ravels "Bolero", erinnert.

Mit der musikalischen Metaphorik läßt sich auch das Gemeinsame und Unterschiedliche zwischen vormoderner und moderner Innovation symmetrisch beschreiben. Der Rhythmus der vormodernen Innovation könnte mit der Taktfolge: Routine - Routine - Innovation / Routine - Routine - Innovation / usw. beschrieben werden. Routinehandlungen dominieren. Wenn Probleme auftauchen, mag innovatives Handeln entstehen, aber es wird in den routine-dominierten Rhythmus integriert oder ganz ausgelöscht. Der Rhythmus der modernen Innovation ist jedoch viel lebhafter: Innovation - Routine - Routine / Innovation - Routine - Routine / usw. Jetzt wird der erste Takt betont. Die innovativen Akte werden verbunden, und ein andersartiger Rhythmus entsteht. Der Rhythmus ist beschleunigt wie im Wiener Walzer, obwohl er aus denselben Elementen wie vorher besteht. Der Tempowandel wurde nicht durch einen substantiellen Wandel, sondern nur durch die Veränderung der Interpunktion bewirkt.

Meine Beschreibung der Entbettung innovatorischen Handelns folgt breit akzeptierten Aspekten der Modernisierungstheorie.[11] Moderne Gesellschaften unterscheiden sich von vormodernen darin, daß sie bewußt mit der Tradition brechen, daß sie besondere Handlungssphären ausdifferenzieren, um sie zu rationalisieren und um die Leistung jeweils frei von anderen Rücksichten zu steigern. Das wirtschaftliche Handeln wurde zum Beispiel von den moralischen Banden der Haushaltsökonomie und den Normen der Reziprozität und Fürsorge freigesetzt. Das politische Handeln befreit sich Schritt für Schritt von seiner religiösen Legitimation. Das wissenschaftliche Handeln löst sich von der Bindung an alte Autoritäten und Bibeltext. Und auch das technische Handeln brach mit der Zünftetradition und organisierte sich getrennt von den Routinen des Handwerks.

Diese Darstellung der Modernisierung weicht von der Theorie der funktionalen Ausdifferenzierung sozialer Teilsysteme[12] in zwei Hinsichten deutlich ab: Erstens, wird die Entstehung von Systemen als historischer Prozeß der Institutionalisierung rekursiver Handlungen begriffen und zweitens, wird die Genese zeitlich dauerhafter und räumlich ausgreifender sozialer Handlungssysteme immer über die routinehaften wie diskursiven Praktiken von Akteuren vermittelt aufgefaßt. Systeme rekursiver Handlungen werden erst einmal an konkreten Orten erzeugt und können dann mittels Medien des Transfers und der Übersetzung globalere Wirkung und Geltung entfalten. Das in einer Werkstatt gebaute lärmende und stinkende erste Automobil hatte solange keine Chancen, den eleganten und eingespielten Kutschenverkehr abzulösen, wie nicht die Fließproduktion den Preis senkte und vor allem die Infrastruktur fester Straßen und ausreichender Tankstellen und Werkstätten ein sich expandierendes großes technisches System des Automobilverkehrs schufen. Die Entstehung solcher "technischer Infrastruktursysteme"[13] zu erklären, fällt der funktionalistischen Systemtheorie besonders schwer. Deswegen wird hier von einer institutionalistischen Differenzierungstheorie her argumentiert, die Unterschiede der Genese von Institutionen und Unterschiede zwischen nationalen institutionellen Arrangements[14] als kritische Faktoren für Weg und Werden der Modernisierung behandelt.

2.2 Wiedereinbettung und Symbiose mit autonomisierter Wissenschaft und Wirtschaft

Unter dieser institutionellen Perspektive läßt sich der Prozeß der Entbettung der technischen Innovation empirisch genauer beobachten. Es ist richtig, daß mit der Moderne auch das innovative Handeln aus den Traditionen herausgelöst wurde. Aber im Vergleich zu den anderen Handlungsformen entwickelte sich kein spezifisches rekursives Teilsystem der technischen Innovation. Die moderne Innovation wurde in zwei andere Sozialsysteme wiedereingebettet: Die technische Innovation ging eine Symbiose mit dem wissenschaftlichen Forschungssystem und mit dem ökonomischen Produktionssystem ein.

Von Beginn der modernen Wissenschaften an war die technische Innovation eng mit der Untersuchung und wissenschaftlichen Forschung verknüpft. Im Italien der Renaissance entstand die "experimentelle Philosophie", wie die moderne Naturwissenschaft damals genannt wurde, aus der Kreuzung der humanistischen Universitätskultur mit der technischen Kultur der höheren Handwerker und Künstler.[15] Die neuen Wissenschaften, wie sie von der London Royal Society gefördert wurden, beruhten ganz entscheidend auf der experimentellen Demonstration wissenschaftlicher Aussagen in Gegenwart einer kleinen Gruppe von Gentlemen.[16] Seitdem war die wissenschaftliche Entwicklung eng mit Fortschritten des Instrumentenbaus und der Verfügung über immer raffiniertere und größere Experimentieranlagen verbunden. Die gegenwärtig zu beobachtende Verschmelzung von Wissenschaft und Technologie zu "Hochtechnologien" oder "Technosciences" kann als eine unbeabsichtigte Folge der modernen Verwissenschaftlichung der Technik und der Technologisierung der Wissenschaften angesehen werden.

Offensichtlich entwickelte sich die technische Innovation zu einem charakteristischen Wesenszug des industriekapitalistischen Systems. Prozeßinnovationen werden vorangetrieben, die Produktionskosten zu senken. Produktinnovationen werden verfolgt, neue Märkte zu erobern. Die Einbettung technischer Innovation in die ökonomische Produktion ist soweit fortgeschritten, daß die Definitionen von technischer und ökonomischer Effizienz kaum noch Unterschiede zeigen. Schon Karl Marx und Max Weber argumentierten einhellig, daß der Kurs technischer Entwickung auf lange Sicht hin ökonomisch bestimmt sei. Aber auch hier können wir heute beobachten, daß sich Tempo und Imperativ der technischen Innovation soweit verselbständigt haben, daß sie ganze Industrien und auch Volkswirtschaften in Krisen stürzen, wenn diese nicht schnell genug die neuen Techniken zu entwickeln und anzuwenden lernen.

Die technische Innovation war - wie wir bisher sehen konnten - auf den Gebieten der Wissenschaft und der Wirtschaft wieder neu eingebettet worden, d.h. daß sich dort neue Traditionen innerhalb der Moderne[17] herausbilden. Neue Techniken entwickeln sich also an verschiedenen Orten und mit unterschiedlichen Rhythmen. Wir erinnern uns, daß wir weiter oben argumentiert hatten, daß innovatives Handeln, wenn es vollkommen ungebunden ist, rücksichtslos das Gute zugunsten des Besseren zerstört. Um also die Errungenschaften der entfesselten Innovation ohne ihre Nachteile nutzen zu können, sind Institutionen erforderlich, mit der Paradoxie der Innovation umzugehen und den Wandel von einer profanen Praktik zu einem hoch geschätzten Neuen zu regeln. Dieser Prozeß bezieht sich nicht auf eine substantielle Neuerung oder materiale Verbesserung - wer sollte ein neutrales Maß definieren können und unter welcher überparteilichen Perspektive? Es kann sich nur um einen formalen Mechanismus handeln, der eine bisher profane Praktik dadurch "umwertet", daß sie in das "Archiv" des hoch bewerteten Neuen aufgenommen wird[18]. Kunstmuseen regeln zum Beispiel den Strom der künstlerischen Innovation. Sogar die vorher primitive, wilde oder anti-ästhetische künstlerische Aktion verwandelt sich in anerkannte Kunst, wenn sie die Tore des Museums passiert.

Welche Institution könnte für die technische Innovation diese Funktion des Archivs übernehmen?

Da die technische Innovation mit dem wissenschaftlichen und dem wirtschaftlichen Schaffen verbunden ist, können verschiedene Orte gefunden werden, an denen die "Umwertung der Werte" stattfindet. Die Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift macht aus dem Grau der Forschungspapiere ein Schwarz-auf-Weiß einer wissenschaftlichen Innovation. Der Stand der Technik, wie er in Handbüchern und auf Technikausstellungen dokumentiert wird, reguliert die Ingenieurinnovation. Das Patentbüro tut das Gleiche mit den praktikablen Erfinderideen. Unternehmen, wenn sie ein Produkt in ihre Palette aufnehmen, entscheiden damit über den Rhythmus der ökonomischen Innovation. Wir sehen, daß die Orte im Fall der modernen technischen Innovation breit gestreut sind. Dementsprechend werden auch die Tempi der Entwicklung stark differieren.

In der Wissenschaft wurden die destruktiven Züge der technischen Innovation dadurch gezügelt, daß dem theoretischen Argument gegenüber dem Experiment Priorität eingeräumt wurde. Solange wie eine experimentelle Neuerung nicht im Rahmen eines theoretischen Paradigmas erklärt werden kann, wird es keinen Einfluß auf die wissenschaftliche Entwicklung gewinnen. Daher wurde Technik für lange Zeit in der Rolle einer Dienstmagd für die Wissenschaft gehalten. Wenn man dieser Sichtweise folgt, unterscheidet man auch zwischen "reiner" und "angewandter" Wissenschaft. Sicherlich beschleunigte auch die Fertigung neuer Instrumente und Anwendungen die wissenschaftliche Entwicklung. Aber das Tempo der Innovation war an den Wechsel der Paradigmen oder an die Neugründung von Disziplinen und Subdisziplinen gebunden. Der Standardverlauf einer Innovation ging von einer Entdeckung aus und zielte auf eine Anwendung. Er vollzog sich zwar nicht als direkter Einbahnweg zur Anwendung hin, aber als zielgerichtete Bahn mit wechselnden Berührungen zwischen Wissenschaft und Technik. Die Zeitintervalle für diese Art von wissenschaftsbasierter Innovation rangieren schätzungsweise zwischen acht und zwei Jahrzehnten.[19]

In der industriellen Wirtschaft kontrollieren eine Reihe von stillen Praktiken und regulatorischen Institutionen die Ambivalenz technischer Innovation. Das zerstörerische Tempo von Innovationen konnte durch den Aufkauf von Patenten und durch geheime Marktabsprachen gedämpft werden. Unternehmen nahmen auch darauf Einfluß, indem sie eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilungen einrichteten oder sich an gemeinsamen Industrielabors beteiligten. Die Großproduzenten suchten von der technischen Innovation zu profitieren und zur gleichen Zeit ihren Rhythmus zu kontrollieren. Sie trennten die technische Entwicklung von der Produktionsroutine, ordneten die freigesetzte technische Innovation jedoch unter den ökonomisch kalkulierten Produktwechsel. Als Folge ergibt sich ein Produktzyklus von drei bis sechs Jahren.[20] Alle anderen Aktivitäten, auch die Rückmeldungen aus der Fertigung und aus dem Vertrieb, werden an dieses Zeitintervall angepaßt. Der Standardverlauf einer Innovation beginnt dann bei der industriellen Forschung und Entwicklung und zielt auf einen zyklischen Wechsel von Produkten und Fertigungslinien.

Auf der Ebene der gesamten Wirtschaft konnten lange Wellen der technischen Innovation beobachtet werden. Sie ergeben sich als nicht-intendierte Folgen der innovativen Handlungen in Wissenschaft und Industrie. In Zeiten normaler industrieller Technikentwicklung werden radikale Innovationen wegen ihres destruktiven Charakters vermieden. Defensive Innovationen geben den Ton an. Aber wenn ein herrschendes technisch-ökonomisches Paradigma seinen Gipfelpunkt überschritten hat und die Märkte zu stagnieren beginnen, dann erhalten wissenschaftliche Erfinder und Erfinder-Unternehmer ihre Chance, die Sperren gegen radikale zerstörerische Innovationen zu durchbrechen und ihre lokalen Durchbrüche zu weltweiten Errungenschaften zu etablieren. Dann kann der Aufbruch in einen neuen Schumpeterschen Innovationszyklus erwartet werden. Neue Industrien wachsen um die Basisinnovationen herum aus dem Boden. Es bildet sich um sie und ihre Produkte eine besondere technische Infrastruktur heraus. Einige traditionelle Industrien schwinden dahin, einige übernehmen die neue Technologie und ändern ihre Produktion. Wenn wir den Langzeit-Daten des wirtschaftlichen Wachstums von Kusznets und Kondratieff folgen, haben diese langen Innovationszyklen eine Lebenszeit von vierzig bis fünfzig Jahren.[21]

Man muß diese umfassende Theorie der zyklischen Koevolution von wirtschaftlicher und technischer Entwicklung nicht vollständig akzeptieren, aber fast alle theoretischen Ansätze teilen heute die Annahme, daß sich die technische Innovation in zyklischen und evolutionären Rhythmen bewegt. Viele von ihnen sind zum Beispiel in ein Modell der technischen Zyklen integriert, in dem Phasen der "Fermentierung" mit Phasen des "inkrementellen Wandels" wechseln.[22] In der Phase der Fermentierung entsteht technische Diskontinuität durch radikale technologische Brüche. Es herrscht die kreative Variation als Prinzip innovativen Handelns vor. In der Phase inkrementellen Wandels stellt sich wieder technische Kontinuität her. Eine der technologischen Alternativen wird durch die institutionelle Selektion begünstigt. Sie wird durch Wiederholung dauerhaft als dominantes Design stabilisiert.

Der diskontinuierliche zyklische Rhythmus der modernen Innovation unterscheidet sich deutlich vom kontinuierlichen, kumulativen Rhythmus des vormodernen technischen Wandels. Der Unterschied betrifft das symbolische Markieren und das technische Materialisieren. In der Moderne wird das Neue explizit gegenüber dem Alten hervorgehoben und höher bewertet. Dadurch wird der Mechanismus der "Archivierung" beschleunigt. Außerdem werden in ihr die Innovationen in weitergreifende "Technostrukturen"[23] materialisiert. Das sind eben nicht nur neue technische Artefakte, sondern komplexe technische Systeme, in denen Maschinen, Programme und Praktiken eng miteinander verkoppelt sind. Dadurch erhalten sie eine größere Festigkeit und Widerständigkeit gegenüber neuem Wandel. Wir können unsere Überlegungen zusammenfassen: In der Moderne wurde die technische Innovation beschleunigt, weil sie aus den festen Bahnen der Zünfte und der Moral entbettet wurde. Aber sie wurde in die institutionellen Ströme wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Produktion wiedereingebettet, die ihr neue Bahnen vorschrieben. Die unterschiedlichen Zeitperspektiven auf diesen beiden Gebieten erklären die Diskontinuität der modernen technischen Entwicklung und die zyklische Natur der technischen Innovation.[24] Wie dadurch die Bedingungen für die gegenwärtig diagnostizierten Innovationsschwächen und Krisen des modernen Innovationsregimes gesetzt wurden, untersuchen wir im nächsten Teil.

3. Die Konseqenzen der Moderne: Reflexive Innovation

3.1 Die Selbstauflösung des institutionellen Arrangements

In der Moderne wurde die technische Innovation beschleunigt, aber in einem sozial verteilten System der Technikerzeugung. Tempo und Richtung der technischen Entwicklung wurden zwar von lokalen Traditionen entbunden, hingen aber nunmehr von einer Vielfalt institutioneller Felder, wie Wissenschaft, Wirtschaft und Staat, mit ihren unterschiedlichen Zeithorizonten und Orientierungskomplexen ab.

In der Wissenschaft kann eine wachsende wechselseitige Bedingtheit von wissenschaftlicher und technischer Innovation beobachtet werden. Als Konsequenz fällt das, was man "reine Wissenschaft" nannte, zunehmend mit der "angewandten Wissenschaft" zusammen. Die Nuklearphysik und die Molekularbiologie können als solche hybriden "Technosciences" angesehen werden. Computerwissenschaft und Künstliche Intelligenz-Forschung bilden Beispiele für den neuen Typ von "Hochtechnologien".[25] Das Risiko des Experimentierens, das bisher auf das Labor eingegrenzt werden konnte, weitet sich gegenwärtig auf alle Orte der Gesellschaft aus, an denen neue Technologien eingesetzt werden.[26] Die Verwissenschaftlichung der Techniken wirft immer größere Probleme für die praktische Nutzung in anderen Kontexten auf. Um die wachsende Kluft zwischen wissenschaftlicher Technologie und praktischer Anwendung zu schließen, werden die Beziehungen zwischen Universität und Industrie zunehmend gestrafft und stromlinienförmig organisiert.[27]

In der Wirtschaft führte die enge Verbindung von Industrie und technischer Innovation zum Aufstieg der wissenschafts-basierten Industrien. Forschung und Entwicklung wurden in die Industrie integriert. Als Konsequenz aber mußte die industrielle Produktion immer häufiger den Standardpfad ihres Produktzyklus verlassen. Sie geriet zunehmend unter den Imperativ der global entfesselten technischen Innovation. Preiswettbewerb kehrte sich in Qualitätswettbewerb um. Wer zuerst ein neues Produkt auf den Markt bringt, wer die Standards für das neue Produkt setzt und wer die dafür günstige Infrastruktur politisch beeinflussen kann, der hat die Nase vorn im globalen Wettwerb. Um mit diesem beschleunigten Tempo technischer Innovation Schritt halten zu können, suchen die Unternehmen eine engere Kooperation zwischen Entwicklern und Herstellern und eine festere Bindung zwischen Herstellern und Anwendern.[28]

In der Politik wußten die Staaten immer schon, wie die Früchte der technischen Innovation am besten zu ernten seien. Die modernen Nationalstaaten gewannen ihre wirtschaftliche Wohlfahrt und militärische Stärke hauptsächlich durch die Nutzung technischer Verbesserungsleistungen. Um gegenwärtig ihre wirtschaftliche und geopolitische Stellung in der Welt zu wahren, sind sie zunehmend gezwungen, technische Innovationen auf strategischen Feldern selbst zu identifizieren und angemessen zu fördern. Je mehr Innovationen bewußt technologiepolitischen Entscheidungen unterworfen werden, desto stärker drohen die Risiken der Fehlentscheidung, ihrer Zurechnung zu den politischen Entscheidern und ein allgemeiner Vertrauensverlust. Die Regierungen sehen sich gezwungen, mehr Beratung und mehr Folgenabschätzung bei wissenschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Experten zu suchen. Um die relevanten Informationen über technische Trends und ihre sozialen Implikationen zu erlangen und um Einfluß auf die verschiedenen Akteure technischer Entwicklung nehmen zu können, wird zur neokorporatistischen Regulierung der Beziehungen zwischen Wissenschaft, Industrie und Staat zurückgegriffen.

Die angesprochenen institutionellen Veränderungen trugen bisher auf jedem einzelnen Gebiet zur Beschleunigung der technischen Innovation bei. Die Standardabfolge von der wissenschaftlichen Entdeckung über die technische Erfindung bis zur ökonomischen Innovation regulierte den im Grunde regellosen Strom der Innovationen. Die institutionelle Differenzierung schrieb jedem der am Prozeß Beteiligten eine bestimmte Rolle zu. Einfache Rückkopplungsprozesse zwischen Wissenschaft und Technik oder zwischen Hersteller und Verwender neuer Techniken festigten die eingeschlagenen Pfade technischer Entwicklung. Der Verlauf einer technischen Innovation war in gewisser Weise erwartbar. Auf analoge Weise, wie der moderne Wohlfahrtsstaat in den sechziger und siebziger Jahren einen Standardlebenslauf für die Beschäftigten geschaffen hatte, gelang es dem modernen institutionell differenzierten System der Technikentwicklung, ein wohl abgestimmtes und effizientes Innovationsregime zu etablieren und einen Standardverlauf für Innovationen zu gewährleisten.

Aber seit zwei Jahrzehnten zeigt dieses Innovationsregime, wie der Wohlfahrtsstaat auch, Zeichen von Krise und Auflösung. Immer stärker mehren sich die Anzeichen dafür, daß die erfolgreiche Beschleunigung und die funktionale Aufteilung der innovativen Handlungen die etablierten institutionellen Arrangements untergräbt und daß die standardisierten Innovationspfade verlassen werden. Die Folgen der erfolgreichen Innovation verändern ungewollt die Form der Innovation. Diesen Sachverhalt kann man als Fall von reflexiver Modernisierung deuten.[29] Auf der institutionellen Ebene können folgende Veränderungen als Indikatoren für eine "reflexive Innovation" gewertet werden:

Die herausgegriffenen institutionellen Veränderungen können als "ironische" Konsequenzen der Modernisierung der technischen Innovation angesehen werden. Sie sind als unbeabsichtigte Folgen der erfolgreichen Institutionalisierung und der rasanten Temposteigerung der Innovation in der Moderne entstanden. Neben der Ironie teilen sie drei weitere Kennzeichen: Ambivalenz, Verteiltheit und globale Verdichtung.

Ambivalenz bezeichnet das Ende der Eindeutigkeit und Gewißheit moderner Innovation. Es kann nicht mehr länger ein fester Weg erwartet werden kann, wie technische Innovationen in Gang gesetzt, erfolgreich organisiert und angemessen ihre Folgen abgeschätzt werden können. Moderne Wissenschaft, angetreten unter dem Motto, alle Aussagen über die Kräfte der Natur mit Gewißheit zu treffen, kann nicht mehr die Harmlosigkeit einer Innovation garantieren. Moderne Technologie, getrieben vom Motiv, die gewünschten Kräfte zu praktischem Nutzen in einen geregelten Mechanismus einzukapseln, kann weder alle Einflüsse eindämmen noch alle Effekte und Nebeneffekte kontrollieren. Die wissenschaftlich-technische Expertise hat ihre Unschuld verloren. Ein steigendes Bewußtsein von der Ambivalenz technischer Produkte ist selbst das ungewollte Ergebnis der erfolgreichen Verringerung der Ambivalenz durch wissenschaftliches und technisches Handeln. Je mehr wir über die beabsichtigten Effekte wissen, desto weniger wissen wir über die nicht-beabsichtigten Effekte.[32]

Verteiltheit bedeutet Vielfältigkeit und Heterogenität der Handlungen, die an der Produktion einer neuen Technik beteiligt sind. Es kann kein Zentrum und kein zentraler Akteur für die technische Entwicklung identifiziert werden. In dieser Hinsicht dürfen wir der postmodernen Diagnose folgen, daß wir in einer Welt mit einer Pluralität von Rationalitätsstandards leben. Dementsprechend gibt es keinen privilegierten Zugang zur Bewertung technischer Innovationen, weder von der Technologie noch von der Ökologiebewegung. Zusätzlich haben wir die Gesellschaft in eine Vielzahl von Feldern und Kräften aufzuteilen, die sich voneinander abgrenzen und sich miteinander kreuzen. Will man diese vielfältige, aber nicht mehr funktionale Verteiltheit besser begrifflich zu fassen kriegen, muß man die Perspektiven einer pankapitalistischen Determination oder einer funktionalistischen Systemdifferenzierung durch eine stärker historische und institutionalistische Sicht der heterogenen Vergesellschaftung ersetzen.

Globale Verdichtung zeigt eine neue raum-zeitliche Beziehung an: Das Lokale und das Globale können nicht mehr länger voneinander getrennt gehalten werden. Vor allem die neuen Medien der Kommunikation haben die Zeiten der Übermittlung und die räumlichen Entfernungen geschrumpft.[33] Örtliche Nischen verschwinden und können nicht gegen globale Einflüsse geschützt werden. Globale Phänomene bedürfen der Verankerung in örtlichen Ereignissen. Lokale Entscheidungen müssen zunehmend die globalen Implikationen reflektieren: Wissenschaftliche Experimente, wie das geklonte schottische Schaf, können in ihren Folgen nicht auf die überschaubare internationale Gemeinschaft der Medizinforscher begrenzt werden. Technische Erfindungen, wie die Atombombe, können heute nicht mehr auf eine kleine Zahl von Staaten oder überhaupt auf Staaten eingeschränkt werden. Folgen technischer Unfälle, wie die radioaktive Wolke von Tschernobyl, macht nicht an nationalen Grenzen halt. Insgesamt treiben die Globalisierung der Produktion und der Märkte und das weltweite Netz der Kommunikation das Tempo der technischen Innovation an und treiben ihre Risiken in die Höhe.

3.2 Rückwirkungen auf die Standardform von Innovationsverläufen

Lassen sich die Konsequenzen dieser institutionellen Veränderungen auch auf der Ebene der individuellen Innovationsverläufe feststellen? Gibt es dort auch empirische Indikatoren dafür, daß sich die Muster technischer Entwicklungen angesichts ansteigender Ambivalenz, vielfältiger Verteiltheit und globaler Verdichtung verändern? Analog zur Auflösung und "Individualisierung" vorher stark standardisierter Lebensläufe lassen sich für die Innovationsverläufe folgende Feststellungen treffen:

Ein höherer Grad an Vielfältigkeit[34], eine Chance zu stärkerer Individualität, eine anspruchsvollere Rückkopplung und ein differenzierteres Tempo markieren den im Entstehen begriffenen Lauf reflexiver Innovation. Die Vielfältigkeit resultiert aus der radikalen Entbettung und dem steigenden Bewußtsein für Ambivalenz. Sie ist zweifellos eine Konsequenz der Moderne. Die langsame Auflösung der Standardverläufe schafft auf der einen Seite mehr Spielraum für individuelle und alternative Technikentwürfe. Aber auf der anderen Seite verlangt die Pluralität der Teilnehmer und die Heterogenität der Kontexte ein umfassenderes rekursives Lernen[35], um die verschiedenen Agenturen zu koordinieren und die unterschiedlichen Zeiten aufeinander abzustimmen. Unter den Bedingungen der reflexiven Innovation entsteht der paradoxe Effekt: Je mehr der technische Wandel in den verschiedenen Phasen und auf den unterschiedlichen Feldern beschleunigt wird, desto stärker wird das Tempo der gesamten konzertierten Innovation gebremst, weil in einem heterogen verteilten System der Innovation die Koordinations- und Synchronisationsprobleme zwischen den unterschiedlichen Motiven und Tempi anwachsen. Musikalisch gesehen erzeugen die vielen "Accelerandos" der einzelnen Melodien eine steigende Disharmonie und ein "Ritardando" im gesamten Konzert. Gefragt ist also ein neues Innovationsregime, das der Herausforderung der reflexiven Innovation gewachsen scheint und einen Koordinationsmechanismus kennt, der Vielfältigkeit und Ambivalenz toleriert, rekursives Lernen beser begünstigt und Zeitdifferenzen zuläßt.

4. Das Aufkommen eines post-schumpeterianischen Innovationsregimes: Innovation im Netz

Die Entbettung innovativen Handelns aus der Tradition und ihre symbiotische Anbindung an die wissenschaftliche und wirtschaftiche Produktion hat zu der bekannten Beschleunigung moderner Innovation geführt. Dadurch wurden die der moderner Technik innewohnende Ambivalenz auf die Spitze getrieben, die Verteiltheit der Technikerzeugung auf heterogene Felder und Phasen verschärft und der Druck zu globaler und lokaler Zeit-Raum-Verdichtung im Innovationsprozeß so gesteigert, daß das moderne Innovationsregime sich durch seine eigenen Erfolge in eine kritische Situation manövriert hat. Die reflexive Modernisierung der Innovation löst unbeabsichtigt ihre institutionellen Arrangements und die Standardform von Innovationsverläufen auf. Welcher soziale Mechanismus könnte in der Lage sein, die Vielfalt der Felder, der Zeiten und der Akteure zu erhalten und gleichzeitig ihre heterogene Verteiltheit zu koordinieren und ihre asynchronen Rhythmen zu konzertieren?

Die moderne Gesellschaft verläßt sich im wesentlichen auf zwei Mechanismen der Koordination sozialen Handelns: der Mechanismus des Marktes und der Mechanismus der hierarchischen Organisation. Märkte gelten als wirksame Mittel, eine bunte Vielfalt von Bedürfnissen mit einer breiten Palette von Produkten abzustimmen. In zeitlicher Hinsicht werden durch die Tauschakte die unterschiedlichen Tempi von Produktion und Konsumtion automatisch konzertiert. Insofern sind Märkte also extrem effiziente Mittel der Zeitsynchronisation. Aber Märkte erfordern eine bestimmte Berechenbarkeit kritischer Ereignisse. Märkte versagen als Mittel der Koordination, wenn die Unsicherheiten zu stark ansteigen und sich die Zeithorizonte zu weit ausdehnen. Das ist auch der Grund dafür, daß eine liberale Innovationspolitik der Deregulierung, die auf die Selbstregulation durch Märkte setzt, nicht erfolgreich sein kann. Gesetzliche und bürokratische Hindernisse für Innovationen können zwar beseitigt und das Tempo der Innovation teilweise gesteigert werden. Aber gleichzeitig wachsen die Klüfte zwischen den unterschiedlichen Feldern der Innovation und ihren Zeitregimes. Die Unsicherheiten des gesamten Innovationsprozesses werden für die einzelnen Akteure unzumutbar erhöht.

Organisationen, einschließlich Staat und Bürokratie, haben sich als verläßliche Koordinatoren ganz unterschiedlicher Aufgaben und Zeitperspektiven erwiesen. Sie sind so erfolgreich, weil sie in ihren Grenzen Berechenbarkeit und Bestimmtheit herstellen können. Sie schaffen ihre eigene Ordnung und unterwerfen menschliche Handlungen, maschinelle Operationen und symbolische Äußerungen ihrer prozeduralen Rationalität. In zeitlicher Hinsicht haben sich Organisationen besonders gut als Mechanismen der Koordination bewährt, wenn es um die Zeitrechnung, die Zusammenführung verschiedener Zeiten und um die langfristige Speicherung von Ereignissen ging. Der Zusammenhang von Kirche und Kalender, Fabrik und Arbeitszeit, Nationalstaat und Zeitvereinheitlichung oder Bürokratie und Archiv dürfte hier als Hinweis genügen. Aber Organisationen versagen, wenn Unterschiede aufrechterhalten und Zeithorizonte offengehalten werden sollen. Daher dürfte auch eine neokorporatistische Innovationspolitik, die auf Regulierung und Entdifferenzierung setzt, nur begrenzte Erfolgsaussichten haben. Denn sie unterwirft die heterogenen Kräfte und Felder unter gemeinsame Projekte, Programme und Prioritäten. Diese Konzentration und Ausrichtung der vielfältigen Visionen und Tempi der technischen Entwicklungen auf einige Leitbilder und Förderschwerpunkte riskiert, die wissenschaftliche Kreativität zu kanalisieren und die breiter verteilte unternehmerische Innovationslust zu dämpfen.

Die beiden Typen "Innovation über den Markt" und "Innovation durch Organisation" verschwinden nicht aus dem Arsenal der reflexiven Moderne. Sie erhalten in einem sich verändernden Innovationsregime nur eine andere Position. Schließlich haben ihre Erfolge zu der diagnostizierten krisenhaften Entwicklung der Innovation geführt. Der Typ der "Innovation über den Markt" ist der klassische Fall, den der frühe Schumpeter vor Augen hatte. Erfinder-Unternehmer machten sich frei von den gewohnten Verfahren, den gesicherten Märkten und den kalkulierbaren Gewinnen. Sie schufen sich mit eigenen Produktideen und gekauften Patenten neue Märkte. Sie sorgten damit unbeabsichtigt für das unübersichtliche Anwachsen technischer Neuerungen und darauf gründender Industrien. Der Erfolg dieses Typs in der Pionierphase führt zur Bildung großer Konzerne und industrieller Imperien, wodurch ihm die Grundlagen entzogen werden.

Der Typ der "Innovation durch Organisation" gewinnt in Phasen der Stabilisierung an strategischer Bedeutung. Die Größe der Unternehmen ermöglicht die Aneignung und Bündelung der verschiedenen Quellen technischer Innovation. Die Kapitalkraft sichert den Erwerb und die Kontrolle der entscheidenden Patente. Die Errichtung eigener Forschungs- und Entwicklungslabors sorgt für den unmittelbaren Anschluß an die wissenschaftlich-technische Entwicklung. Die Risiken der Innovation werden durch Routinen minimiert. In der Industrie wird die Innovation in die vorgezeichneten Bahnen der ständigen und stückweisen Verbesserung gelenkt. In der staatlich organisierten Forschung werden sie auf wenige Großprojekte und auf mit Militär und Wirtschaft abgestimmte Förderprogramme konzentriert. Aber auch bei der "Innovation durch Organisation" schlagen die offensichtlichen Erfolge in Krisen um. Der späte Schumpeter hatte schon vor den Gefahren der "vollkommen bürokratisierten Rieseneinheit" für das innovative Potential gewarnt: "Das Erfinden selbst ist zu einer Routinesache geworden...".[36] Heute sehen wir, daß die strategische Beherrschung von Technologiefeldern nicht einmal gegen Blindheit für technische Neuerungen gefeit ist. Wenn Innovation zur Routine wird, dann können kleine Innovationen, wie der PC, große Konzerne, wie IBM oder Siemens, ins Wanken bringen, dann können "weiche" Softwareinnovationen "harte" Industrien umkrempeln. Die Erfolge staatlicher Forschungskoordination, wie die gezielte Entwicklung der Atombombe oder die massive Förderung der zivilen Atomenergie, begrenzen heute die Bereitschaft des Staates, sich ohne Kenntnis der Finanzierungszeiträume und der Folgedimensionen so stark festzulegen.

Gefordert ist gegenwärtig ein Koordinationsmechanismus, der die Nachteile der beiden anderen vermeidet und ihre Vorzüge vereint. Netzwerke scheinen diese besondere Eigenschaft zu besitzen. Statt auf Tausch und Anweisung beruhen sie auf Verhandlung. Statt über Geld und Macht werden sie über Vertrauen geregelt.[37] Verhandlungen behalten die Flexibilität des Marktes bei, ohne seine Gleichgültigkeit gegenüber der Beschaffenheit der Güter und der Eigenschaft der Akteure zu zeigen. Vertrauensbeziehungen verringern die Unsicherheiten, ohne die Unterschiede zwischen den Ereignissen und ihren Zeitrhythmen so einzuebnen, wie es Organisationen normalerweise tun. In zeitlicher Hinsicht lassen Netzwerke heterogene Einheiten, unterschiedliche Tempi und einen offenen Zeithorizont zu. Diese Eigenschaft macht sie in meinen Augen zu einem überlegenen Mittel, die zunehmende Vielfältigkeit im heterogen verteilten System der Technikerzeugung durch lockere Kopplung und zeitlich flexibel zu koordinieren.

Eine reflexive Innovationspolitik verfolgt daher eine im Vergleich zur Organisation lockere, aber im Vergleich zum Markt verbindlichere Vernetzung heterogener Akteure. Netzwerke können äußerst unterschiedlich strukturiert sein. Die Tendenz traditioneller Netzwerke zur Schließung, die zum Ausschluß innovativer Akteure führt, wäre durch eine Stärkung konkurrierender Netzwerke aufzuheben. Die Neigung strategischer Unternehmensnetzwerke[38] zur Hierarchiebildung wäre durch eine Politik der Öffnung und der Rotation zu korrigieren. Die Netzwerke wären zu demokratisieren. Vor allem wären neue Netzwerke zu fördern, die eine Vielfalt von Akteuren beteiligen, rekursives Lernen ermöglichen und eine Heterogenität der Expertise einschließen. So können schon rechtzeitig Folgen und Fehlentwicklungen erkannt und ihnen gegengesteuert werden, wie z. B. bei der in die Technikentwicklung integrierten Technikfolgenabschätzung. So können anfangs auch kleine und marginale Innovationen eine fördernde Infrastruktur erhalten, die ihnen die Chance für einen späteren großen Durchbruch offenhält.

"Innovation im Netz" entwickelt sich - wie wir oben gesehen haben - als Reflex auf die selbst erzeugten Grenzen der beiden anderen Innovationstypen. Sie besteht aus einem lockeren Verbund zwischen verschiedenen Praktiken und einer verbindlichen Assoziation nach Größe und Expertise heterogener Partner. Wenn der Zugang zum Netz für alle grundsätzlich offengehalten wird, wenn im Netz keinem etwas aufgezwungen wird, wenn ein Spielraum für Aushandlungen gegeben ist und wenn erfahrungsbasiertes Vertrauen die Beziehungen zwischen Konkurrenz und Kooperation regelt, dann können wir von einer "Innovation im Netz" sprechen[39]. Ihr sollte es gelingen, die institutionellen Unterschiede und Tempodifferenzen aufeinander abzustimmen und gleichzeitig in ihrer Verschiedenheit aufrechtzuerhalten. Wenn wir wieder zum musikalischen Vergleich übergehen, hieße das, eine Vielfalt dissonanter Melodien und asynchroner Rhythmen nicht polyphon zu harmonisieren, sondern wie Igor Strawinsky oder Charles Ives polyrhythmisch zu vernetzen.

Die Konturen eines neuen Innovationsregimes zeichnen sich ab: Auf der institutionellen Ebene grenzt sich die reflexive Innovation durch größere Ambivalenz, heterogene Verteiltheit und höhere zeitlich-räumliche Verdichtung von der einfachen modernen Innovation ab. Auf der individuellen Verlaufsebene von Innovationen finden sich genügend Hinweise auf eine Auflösung des Standardmodells: Ein höherer Grad an Vielfältigkeit und Zick-Zack-Verläufen, eine umfassendere Rekursivität mit wechselnden Umwelten und verstärkte Temposprünge sperren sich gegen die Einbettung in die gerade Gerichtetheitt, funktionale Verteiltheit und einfache Rückkopplung des Normalverlaufs moderner Innovation.

Die neuen Zeiten für technische Innovationen haben schon längst begonnen: Die biotechnische Innovation eines Tiermodells für die Alzheimersche Krankheit, die am 9. Februar 1995 in "Nature" veröffentlicht wurde, stammt von 34 Autoren. Dahinter verbirgt sich ein Innovationsnetzwerk aus zwei neugegründeten Biotechnikfirmen, einem etablierten pharmazeutischen Konzern, einer Eliteuniversität, eines staatlichen Forschungslabors und eines gemeinnützigen Forschungsinstituts.[40] Es fehlt noch die Demokratisierung des Netzwerks durch eine Beteiligung von Tierversuchsgegnern und medizinischen Selbsthilfegruppen. Die mülltechnische Innovation einer hochgelagerten kontrollierbaren High Tech-Abfalldeponie kann weder als die Erfindung eines Forschungsinstituts noch als ein Projekt einer innovationsfreudigen Gemeinde beschrieben werden; erst die Vernetzung experimenteller Praktiken von Wissenschaftlern und Bürgerintiativen, von Umweltdezernenten und Recyclingindustrie durch "rekursive Lernprozesse" erzeugte das von keinem der Beteiligten in dieser Form anvisierte Endprodukt. Zufällig stellt der Autor den Innovationsverlauf auch als Zick-Zack-Linie dar. [41]

Innovation nach Schumpeter verlangt also eine größere Heterogenität der Beteiligten, eine intensivere Rückkopplung mit vielfältigen Kontexten und auch eine größere Reflexivität der Akteure. Wenn weder der Schumpetersche risikofreudige Erfinder-Unternehmer noch der kapitalistische Konzern, weder der kreative Wissenschaftler noch die staatliche Großforschung allein den Gang der Innovation bestimmen können, dann werden die Innovationsnetzwerke zu den bestimmenden Agenturen im post-schumpeterianischen Innovationsregime. Neuerungen sind Netzwerkeffekte. Innovationen entstehen im Netz.


Fußnoten:

[1] Joseph Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. Bern 1946 (zuerst 1942), S. 139

[2] Zur Rolle der Kreativität und zur Kritik der beiden anderen Handlungskonzeptionen siehe Hans Joas: Die Kreativität des Handelns. Frankfurt/M. 1992

[3] Vgl. Hartmut Hirsch-Kreinsen: Innovationsschwächen der deutschen Industrie. Wandel und Probleme von Innovationsprozessen; Technik und Gesellschaft. Jahrbuch 9, Frankfurt/M. 1997, S. 153-74

[4] Vgl. Ulrich Jürgens/Frieder Naschold: Arbeits- und industriepolitische Entwicklungsengpässe der deutschen Industrie in den neunziger Jahren; in Wolfgang Zapf/Meinolf Dierkes (Hrsg.): Institutionenvergleich und Institutionendynamik. WZB-Jahrbuch. Berlin 1994, S. 239-70

[5] Vgl. Hariolf Grupp: Der Delphi-Report - Innovationen für unsere Zukunft. Stuttgart 1995

[6] Vgl. Volker Wittke: Wandel des deutschen Produktionsmodells: Beschleunigen oder Umsteuern? In SOFI (Hrsg.): Im Zeichen des Umbruchs. Beiträge zu einer anderen Standortdebatte. Opladen 1995, S. 109-124

[7] Ich beziehe mich vor allem auf Anthony Giddens: Konsequenzen der Moderne. Frankfurt/M. 1995 und Ulrich Beck/Anthony Giddens/Scott Lash: Reflexive Modernisierung. Frankfurt/M. 1996

[8] Dabei kann uns Bruno Latour: Wir sind nie modern gewesen. Berlin 1996 ein wenig helfen.

[9] Lynn White: Medieval Technology and Social Change. Oxford 1962

[10] Ausführlicher zur Ausdifferenzierung des Forschungshandelns siehe Wolfgang Krohn/Werner Rammert: Technologieentwicklung: Autonomer Prozeß und industrielle Strategie; in Burkart Lutz (Hrsg.): Soziologie und gesellschaftliche Entwicklung. Frankfurt/M: 1985, S. 411-33

[11] Siehe exemplarisch die Einführung von Johannes Berger (Hrsg.): Die Moderne - Kontinuitäten und Zäsuren. Soziale Welt, Sonderband 4. Göttingen 1986

[12] Zu Darstellung und Kritik vgl. Uwe Schimank: Theorien gesellschaftlicher Differenzierung. Opladen 1996

[13] Zu Kritik und Begriff siehe Renate Mayntz: Zur Entstehung technischer Infrastruktursysteme; in Renate Mayntz/Bernd Rosewitz/Uwe Schimank/Rudolf Stichweh: Differenzierung und Verselbständigung. Zur Entwicklung gesellschaftlicher Teilsysteme. Frankfurt/M. 1988, S. 233-59

[14] Zur Genese siehe Peter Wagner: Die Soziologie der Genese sozialer Institutionen; Zeitschrift für Soziologie 22/6 (1995), S. 464-76 und zum Vergleich von Innovationssystemen Richard R. Nelson (ed): National Innovation Systems. A Comparative Analysis. Oxford 1993

[15] Siehe Edgar Zilsel: Die sozialen Ursprünge der neuzeitlichen Wissenschaft. Frankfurt/M. 1976

[16] Siehe hierzu die bahnbrechende Studie von Steven Shapin/Simon Schaffer: Leviathan and the Air Pump. Hobbes, Boyle and the Experimental Life. Princeton 1985

[17] Zur "neuen Tradition" und zur "Wiedereinbettung siehe Anthony Giddens: Tradition in der posttraditionalen Gesellschaft; Soziale Welt 44/4 (1993), S. 445-85

[18] Siehe dazu die originelle Weiterentwicklung des Foucaultschen und Derridaschen Archiv-Begriffs von Boris Groys: Technik im Archiv. Die dämonische Logik technischer Innovation; in Technik und Gesellschaft. Jahrbuch 9, Frankfurt/M. 1997, S. 15-32, und grundlegend Boris Groys: Über das Neue. Versuch einer Kulturökonomie. München 1992

[19] Die Zeitzyklen verkürzen sich von zirka 80 Jahren in der ersten Hälfte über zirka 30 Jahre in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu 10-20 Jahren im 20. Jahrhundert. Gerhard Mensch: Zur Dynamik des technischen Fortschritts; Zeitschrift für Betriebswirtschaft 41 (1971), S. 299-301

[20] In Literatur und Interviews wird diese Zahl häufig genannt. Siehe Werner Rammert: Das Innovationsdilemma. Technikentwicklung im Unternehmen. Opladen 1988

[21] Die Quelle ist Nikolaj D. Kondratieff: Die langen Wellen der Konjunktur. Archiv der Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 56 (1926), siehe auch Gerhard Mensch: Das technologische Patt. Innovationen überwinden die Depression. Frankfurt/M. 1977

[22] Beispielhaft die Modelle zusammenführend ist der Aufsatz von Michael L.Tushman/Lori Rosenkopf: Organizational Determinants of Technological Change: Towards a Sociology of Technological Evolution; in Research in Organizational Behavior 14 (1992), S. 311-47

[23] Zu Begriff und theoretischem Ansatz siehe jetzt Werner Rammert: New Rules of Sociological Method: Rethinking Technology Studies; British Journal of Sociology 48/2 (June 1997), S. 171-91

[24] Eine die Kontinuität zwischen den Diskontinuitäten der Forschungsereignisse betonendes Modell stellt Janos Wolf: Innovationsstruktur. Zufall, Ordnung und Spielraumbildung in der Entstehung der Penicillin/Antibiotika-Revolution. Berlin 1997 am Beispiel der Entwicklung der Antibiotika vor.

[25] Zu den "Technosciences" siehe Bruno Latour: Science in Action. How to Follow Scientists and Engineers Through Society. Cambridge, MA 1987 und zur "Hochtechnologie" Werner Rammert: Von der Kinematik zur Informatik. Konzeptuelle Wurzeln der Hochtechnologie im sozialen Kontext; in ders. (Hrsg.): Soziologie und künstliche Intelligenz. Produkte und Probleme einer Hochtechnologie. Frankfurt/M: 1995, S. 65-110 und Petra Ahrweiler: Künstliche Intelligenz-Forschung in Deutschland. Die Etablierung eines Hochtechnologiefachs. Münster 1995

[26] Siehe Wolfgang Krohn/Johannes Weyer: Gesellschaft als Labor. Die Erzeugung sozialer Risiken durch experimentelle Forschung. Soziale Welt 3 (1989), S. 349-72

[27] Siehe zum aktuellen Stand der Debatte Harvey Brooks: The Relationship between Science and Technology; Research Policy 23 (1994), S. 477-86

[28] siehe für viele Norbert Altmann/Dieter Sauer (Hrsg.): Systemische Rationalisierung und Zulieferindustrie. Sozialwissenschaftliche Aspekte zwischenbetrieblicher Arbeitsteilung. Frankfurt/M: 1989 und Bengt-Ake Lundvall: User-Producer-Relationships, National Systems of Innovation and Internationalization; in Dominique Foray/ Christopher Freeman (eds.): Technology and the Wealth of Nations. London 1993, S. 277-300

[29] Als Selbst-Konfrontation mit den internen latenten Nebenfolgen definiert Ulrich Beck die "reflexive" Modernisierung in der Einleitung zum gemeinsamen Buch mit Anthony Giddens und Scott Lash , siehe Fußnote 7

[30] Für den Wandel der Wissensproduktion siehe vor allem M. Gibbons/C. Limoges/H. Nowotny/P. Scott/P. Trow: The New Production of Knowledge. The Dynamics of Science and Research in Contemporary Societies. London 1994

[31] Siehe Ingo Schulz-Schaeffer/Michael Jonas/ Thomas Malsch: Innovation reziprok - Intermediäre Kooperation zwischen adademischer Forschung und Industrie; in Technik und Gesellschaft. Jahrbuch 9, Frankfurt/M: 1997, S. 91-127

[32] Siehe zur Ambivalenz Zygmunt Bauman; Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit. Frankfurt/M. 1995 und zum Nicht-Wissen Niklas Luhmann: Beobachtungen der Moderne. Opladen 1992, S. 149-220, und Ulrich Beck im oben angegebenen Band, Fußnote 7, S. 289-315

[33] siehe Anthony Giddens, Fußnote 7, und Scott Lash/John Urry: Economies of Signs and Space. London 1994

[34] Auf die "Vielfältigkeit" weist auch Helga Nowotny: Die Dynamik der Innovation. Über die Multiplizität des Neuen; in Technik und Gesellschaft. Jahrbuch 9, Frankfurt/M. 1997, S. 33-54, hin.

[35] Auf "rekursives Lernen" verweisen Helmut Wiesenthal: Lernchancen der Risikogesellschaft. Über gesellschaftliche Innovationspotentiale und die Grenzen der Risikosoziolgogie; Leviathan 22/1 (1994), S. 136-59, und Wolfgang Krohn: Rekursive Lernprozesse: Experimentelle Praktiken in der Gesellschaft Das Beispiel der Abfallwirtschaft; in Technik und Gesellschaft. Jahrbuch 9, Frankfurt/M. 1997, S. 65-90.

[36] Joseph Schumpeter, siehe Fußnote 2, S. 215 und 218

[37] siehe Walter W. Powell: Neither Markets Nor Hierarchy: Network Forms of Organization; in Research in Organization Behavior 12 (1990), S. 295-336, und Renate Mayntz: Modernisierung und die Logik von interorganisationalen Netzwerken; Journal für Sozialforschung 31/1 (1992), S. 19-32

[38] Siehe zu diesem Typ von Netzwerken Jörg Sydow: Strategische Netzwerke - Evaluation und Organisation. Wiesbaden 1992

[39] Eine ähnliche, aber etwas eingeschränktere Auffassung von "Innovationsnetzwerken" haben Christopher Freeman: Networks of Innovation: A Synthesis of Research; in Research Policy 20 (1991), S. 499-514, und Uli Kowol/Wolfgang Krohn: Innovationsnetzwerke. Ein Modell der Technikgenese; in Technik und Gesellschaft. Jahrbuch 8, Frankfurt/M. 1995, S. 77-105.

[40] Das Beispiel stammt von Walter W. Powell/ Kenneth W. Koput/Laurel Smith-Doerr: Interorganizational Collaboration and the Locus of Innoation: Networks of Learning in Biotechnology; Administrative Science Quarterly (March 1996), S. 116-45.

[41] Dieser Fall wird von Wolfgang Krohn vorgestellt, siehe Fußnote 33.