Innovationen - Prozesse, Produkte, Politik

Werner Rammert

Innovation ist gegenwärtig zu einem der meist gebrauchten Zauberworte avanciert, wenn es um die wirtschaftliche Wohlfahrt im globalen Wettbewerb, um die Zukunftsfähigkeit von Industrien und Arbeitsplätzen oder um die nachhaltige Bewältigung ökologischer Gefährdungen geht. Die Prozesse der Innovation sollen beschleunigt und die Hemmnisse abgebaut werden. Die Produkte der Innovation sollen breit gefördert und neue Märkte dafür gefunden werden. Die Politik der Innovation soll dafür sorgen, daß sich Invention und Innovation wieder lohnen.

Der Bundespräsident schlägt einen Erfinderpreis vor. Die Berliner Industrie lobt jährlich Innovationspreise aus. Vorstandsmitglieder deutscher Konzerne fordern in Kolummnen der FAZ eine bessere Innovationskultur. Führungskräfte aus Industrie und Verwaltung belegen Crash-Kurse in Kreativität und Innovation. Die Gemeinden errichten ein Gründerzentrum nach dem anderen, wenn sie sich nur in der Nähe einer universitätsähnlichen Einrichtung wähnen . Die Länder besinnen sich auf ihre regionalen Innovationsnetzwerke. Der Bund subventioniert die Forschungsausgaben mittlerer Unternehmen. Und der Zukunftsminister formuliert strategische Leitlinien für eine integrierte Innovationspolitik. Nie wurde soviel über Innovation geredet und in ihrem Sinne gehandelt. Aber wer Innovation wirksam fördern will, der müßte die Muster und Mechanismen der Innovation in Geschichte und Gegenwart genauer studieren.

Technische Innovationen waren schon immer ein Quell wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung. In vormodernen Gesellschaften entstanden sie meist unbeabsichtigt. Die Neuerungen des Pflugs, die Verbesserungen des Steigbügels oder die Innovationen im Kathredralenbau bilden eine eher anonyme Technikgeschichte. Innovationen wurden durch religiöse Regeln und Traditionen der Zünfte in Zaum gehalten. Was sich nicht zähmen ließ, war des Teufels Werk. Radikale Neuerer wurden nicht selten verbannt oder verbrannt. Ihre Erfindungen wurden zerbrochen und zerstört. In früheren Gesellschaften wurde die Innovation verdammt.

Die modernen Gesellschaften haben die Innovation auf allen Gebieten entfesselt, ihr gleichsam die Zügel schießen lassen. Technische Innovationen werden heute in der Regel absichtlich herbeigeführt. Neue Maschinen werden in den Labors der Unternehmen und im Verbund mit anderen Unternehmen strategisch entwickelt. Neue Verfahren werden in den Forschungsinstituten inner- und außerhalb der Universitäten mit Blick auf nützliche Anwendungen ausgeklügelt. Neue Projekte und Prioritäten werden in den Förderabteilungen der Ministerien unter Bezug auf den internationationalen Wettbewerb beschlossen. Und doch entfaltet der Innovationsprozeß, wie schon Joseph Schumpeter lehrte, eine von keinem beabsichtigte Dynamik "schöpferischer Zerstörung". Können Unternehmen mit dem Tempo der Innovation nicht mithalten oder verlieren Volkswirtschaften den Anschluß an die globale Innovationsdynamik, dann gehen ganze Industrien zwar nicht zur Hölle, aber sie müssen befürchten, ihre Weltmarktposition zu verlieren und zukünftig zur Zweitrangigkeit herabzusinken. Moderne Gesellschaften sind auf Gedeih und Verderb zur Innovation verdammt.

Gerät die galoppierende Innovation ins Stocken und Stolpern oder droht auf einem Feld, die Spitzenreiterposition verloren zu gehen, kommt Krisenstimmung auf. In den letzten Jahren mehren sich die Anzeichen auch in Deutschland, daß es mit der Innovation nicht mehr zum besten steht. Die Universitäten haben unter den Bedingungen des Massenbetriebs und der Machtkämpfe der Gruppen ihre Funktion, Kreativität zu fördern, und ihre Fähigkeit, sich selbst zu erneuern, größtenteils verloren. Die Einrichtungen der Großforschung haben sich auf die Verstetigung früherer Forschungsideen versteift und von den neuen globalen industriellen und ökologischen Herausforderungen abgekoppelt. Der Wissenschaftsstandort Deutschland ist ins Gerede gekommen.

Sogar das Rückgrat der produktionstechnischen Entwicklung in der Industrie, der als krisenfest geltende Werkzeugmaschinenbau, zeigt unter dem Druck der Globalisierung der Märkte deutliche Zeichen von Innovationsschwäche. Der Automobilbau, das Herz der modernen Wirtschaft, muß sich erst einmal von dem Schock erholen, daß erstmals die fernöstlichen Produzenten mit neuen Methoden und Modellen der Rationalisierung Ton und Tempo der Innovation angaben. Auch diese Tatsachen fließen in die Diskussion um den Industriestandort Deutschland ein.

Schließlich schreckte die Botschaft von den empfindlichen Lücken auf verschiedenen Hochtechnologiefeldern Industrie und Politik auf. Der Technik-Report des Fraunhofer-Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung verzeichnet für die Mikroelektronik, die Informationstechniken, die Telematik und die Biotechniken in Deutschland abgeschlagene Positionen. Die Ingenieurfakultäten klagen über mangelnden Nachwuchs. Die Wirtschaftsverbände bemängeln die fehlende Praxisorientierung der Ausbildung. Das überkommene Bild vom führenden Technologiestandort Deutschland beginnt sich zu trüben.

Eines dürfte nach diesen wenigen Blicken auf die Innovationslandschaft Deutschland schon deutlich geworden sein: Die Innovation ist zur Routine geworden. Die Akteure haben sich unter dem bisherigen institutionellen Regime der Innovation komfortabel eingerichtet. Wenn dann der rauhe Wind globalisierten Wettbewerbs weht, dann genügt nicht mehr der routinierte Betrieb der Innovation. Wenn die Finanzmittel in den öffentlichen Kassen knapper werden, dann kommt auch das Standardmodell der Innovation an seine Grenzen. Und wenn sich die Konkurrenz der Ideen und der Produkte mit der Globalisierung der Kommunikation verschärft und an Geschwindigkeit gewinnt, dann reichen das gewohnte Tempo und die eingespielte Koordination des normalen Innovationsregimes nicht mehr aus. Auf der politischen Tagesordnung steht die Innovation der Innovation.

Wie diese "reflexive Innovation" und ein "post-Schumpeterianisches Innovationsregime" aussehen könnten, dafür können aus den Beiträgen dieses Jahrbuchs eine Hinweise gewonnen werden. Schon seit Schumpeters Zeiten wissen wir, daß die Prozesse der Innovation einer Logik "schöpferischer Zerstörung" unterliegen. Das Neue erweist sich als Feind des Guten und Bewährten und führt zu vorzeitigem Veralten. Ganz in der Tradition der ungebrochenen Moderne wird jedoch unterstellt, daß sich mit dem Neuen auch das von der Sache her Bessere und von der Funktion her Fortschrittlichere durchsetze. Diese Annahmen von der Kontinuität und Rationalität bei der Entstehung des Neuen hat Thomas S. Kuhn sogar für die Prozesse der wissenschaftlichen Innovation ins Wanken gebracht. Der Wechsel zu einem neuen Paradigma sei eher mit einer politischen Revolution und einem religiösen Konversionsakt als mit einer rationalen Wahl zu vergleichen. Im Gefolge hat die empirische Wissenschafts- und Technikforschung die soziale Konstruiertheit wissenschaftlicher Tatsachen und neuer Techniken nachgewiesen und haben die Theoretiker der Postmoderne die universalen Rationalitätsmodelle dekonstruiert. Ist mit der Relativierung jeglicher materialer Kriterien auch das Ende der Innovation auszurufen?

Sicherlich nicht! Nur ist ein neues Modell vom Innovationsprozeß zu entwerfen. Mit der Erkenntnis der sozialen Konstruiertheit des Neuen sehen wir uns jetzt gezwungen, den Prozeß der Neuerung und den der Verbesserung der Effizienz radikal zu entkoppeln. Das macht uns unsicher, da uns jegliches universale Kriterium des Fortschritts aus der Hand geschlagen wird. Aber wie uns Boris Groys in seinem Beitrag versichert, gibt es doch einen, wenn auch formalen Mechanismus der Archivierung, der uns vor der postmodernen Beliebigkeit des "Anything goes" bewahrt.

Innovation hat sich von einem seltenen Phänomen in ein systematisch gesuchtes Ereignis verwandelt. Und doch bleibt ihre Dynamik im Grunde unvorhersehbar und kontingent. Die Felder, in denen sie auftritt, und die Formen, die sie annimmt, vermehren sich. Entsprechend nehmen auch die Folgen, die sie aufwirft und die durch Querbeziehungen entstehen, zu. Innovation kann gegenwärtig nur noch als Prozeß ohne Ende und außer Kontrolle gedacht werden. Helga Nowotny bezweifelt, daß es so etwas wie einen verbindlichen Kanon geben kann. Sie geht in ihrem Beitrag von der Vielfältigkeit der Innovationsereignisse und der Regelsysteme aus.

Innovation wird asymmetrisch gedacht. Die Betonung liegt auf der technischen Innovation. Seit Ogburns Zeiten wird die soziale Innovation als sachlich getrennt und zeitlich hinterherhinkend vorgestellt. Auch wenn neuerdings die Komplementarität und Verwobenheit von technischer und sozialer Innovation anerkannt wird, bleibt die letztere, wie im Fall der kreativen Aneignung neuer Produkte, unterschätzt. Nina Degele zeigt uns, wie diese Asymmetrie mit dem Konzept der Rekursivität überwunden werden kann.

Die Produkte der Innovation sind nicht mehr erlesen. Man darf sie sich nicht mehr nur als Resultate eines wohlorganisierten Prozesses in einem High Tech-Labor vorstellen. Die experimentelle Entwicklung findet draußen in der Gesellschaft an vielen Orten statt. Heterogene Akteure sind daran beteiligt. Das Endprodukt, das man vor Augen hat, ändert sich ständig. Wolfgang Krohn hat für uns nachgezeichnet, wie sich kraft rekursiver Lernprozesse simple Müllkippen in komplexe hochtechnisierte Abfalldeponien verwandeln.

Wissenschaft und Industrie gelten schon lange als die beiden wichtigsten Agenturen technischer Innovation. Wie sind sie aufeinander abzustimmen? Weder wandeln sich wissenschaftliche Entdeckungen automatisch in industrielle Anwendungen um, noch vermag die Industrie den Forschungsprozeß ganz unter Kontrolle zu bringen, ohne ihn seines innovativen Potentials zu berauben. Ingo Schulz-Schaeffer, Michael Jonas und Thomas Malsch schlagen vor, dieses Innovationsdilemma durch Steigerung der Reziprozität anzugehen: Intermediäre Kooperation also statt Markt oder Hierarchie.

Die Produkte der Innovation werden komplexer. Die Instanzen, die daran partizipieren, werden vielfältiger. Der politische Charakter der Innovation tritt immer deutlicher hervor. Zwischen den heterogenen Beteiligten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik müssen zunehmend Ziele, Mittel und Kompromisse ausgehandelt werden. Nicht mehr einzelne Agenten, sondern das Netzwerk ihrer Beziehungen, das Innovationsnetzwerk, bestimmt den Gang der technischen Innovation. Johannes Weyer versucht die Technikgenese von Airbus, Personal Computer und Transrapid aus dem Wandel von innovativen Netzwerken zu erklären.

Netzwerke können auch Innovation behindern, indem sie innovative Akteure ausschließen. Erfolgreiche und über Jahre eingespielte Muster von Hersteller-Anwender-Beziehungen können unter veränderten Umweltbedingungen Lernprozesse verzögern. Wieso es im deutschen Maschinenbau trotz langjährig erfolgreicher Rückkopplung mit den Anwendern und mit den Technischen Hochschulen zu gravierenden Innovationsschwächen kommen konnte, mit dieser Frage befaßt sich der Beitrag von Hartmut Hirsch-Kreinsen.

Aus den Labors der Künstlichen Intelligenz rollt wieder eine neue Welle von Produkten auf uns zu. Nach den Expertensystemen, die das höchste Niveau menschlichen Wissens zu imitieren trachteten, wendet sich die nächste Generation von Pionieren dem Nachbau von Wesen niederer Stufe zu. Prototypen über Hindernisse stelzender Spinnen oder koordiniert krabbelnder Ameisen sind schon zu besichtigen. Sie sollen einmal die Krankenpflege übernehmen oder das städtische Kanalsystem selbständig reinigen und reparieren. Egon Becker, Klaus Kasper und Thomas Kluge haben nachgeforscht, wie aus den Visionen der "Artificial Life"-Forscher, die einem Science Fiction-Roman entsprungen zu sein scheinen, sichtbare und sich selbst bewegende Produkte werden.

Die Innovationen um den Computer herum reißen ebensowenig ab wie die Diskussionen über den Computer. Ist der Computer eher als Werkzeug oder als Maschine anzusehen? In der jüngsten Zeit setzt sich die Auffassung vom Computer als Medium durch. Aber Anthropologen, Systemtheoretiker und Kommunikationswissenschaftler haben unterschiedliche Vorstellungen von Medien. Lutz Ellrich informiert über verschiedene neuere Ansätze und bringt in die Vielfalt der neueren Diskussion ein wenig Ordnung.

System oder Netzwerk erweisen sich neuerdings als zwei konkurrierende Konzepte, die Entstehung und Festigung von Technik zu erklären. Muß die Technik in der soziologischen Systemtheorie draußen bleiben? Bringt die Hereinnahme der Technik als Agent, wie es in der Akteur-Netzwerk-Theorie geschieht, unlösbare Probleme mit sich? In seinem Besprechungsessay von zwei Neuerscheinungen bringt Gerald Wagner beide Positionen in kritischen Kontakt.

Globalisierung und regionale Innovationsnetzwerke sind die Stichworte, die den Teil Programme mit dem Innovationsthema verbinden. "Regulierung und Restrukturierung der Arbeit in den Spannungsfeldern von Globalisierung und Dezentralisierung" heißt ein neu eingerichteter Förderschwerpunkt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Gert Schmidt geht in seinem einleitenden Referat den verschiedenen Ansichten von unserem Globus und ihren Folgen für Fragen der Forschung nach. Hans-Joachim Braczyk stellt das Arbeitsprogramm der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Stuttgart vor.

Nach der Lektüre aller Beiträge können wir versuchen, uns eine genaueres Bild von der aufkommenden "reflexiven Innovation" machen. Die stärker theoretischen Beiträge, in denen über den Prozeß der Innovation neu nachgedacht wird, haben kritische Kennzeichen für die Abgrenzung des neuen Typs von Innovation geliefert: Offenheit, Vielfältigkeit und Rekursivität nehmen im Innovationsprozeß zu. Von den eher empirisch ausgerichteten Beiträgen zum Wandel des Innovationsprozesses auf bestimmten Feldern und zur Entstehung der neuen Produkte der Innovation können wir etwas über die Auflösung des Standardmodells der Innovation und über einige Eigenschaften der aufkommenden "post-Schumpeterianischen Innovationsweise" erfahren: Die Innovation erfolgt in einem global weiter verteilten System; Anzahl und Heterogenität der beteiligten Akteure nehmen zu; Netzwerke setzen sich bei der Koordination der Beziehungen gegenüber Markt und Hierarchie durch. Welche Schlußfolgerungen für die Politik der Innovation daraus gezogen werden können, das läßt sich dann nur andeuten: Statt kurzfristiger Einzelförderung oder langfristiger Großförderung sollten mittelfristig innovative Verbünde zwischen verschiedenen Akteuren unterstützt werden. Statt direkter Subventionen sollte eher in den Aufbau einer Infrastruktur für die regionale und internationale Vernetzung investiert werden.

Innovation post Schumpeter erfordert also größere Heterogenität der Beteiligten, intensivere Rekursivität mit multiplen Kontexten und größere Reflexivität der Akteure. Wenn weder der risikofreudige Unternehmer und Erfinder noch das Großunternehmen, weder der kreative Forscher noch die staatliche Großforschung allein den Gang der Innovation bestimmen können, dann werden die Innovationsnetzwerke zu den bestimmenden Agenten im post-Schumpeterianischen Innovationsregime. Darauf haben sich die beteiligten Akteure neu einzustellen.