Wer ist der Motor der technischen Entwicklung heute?

Von der innovativen Persönlichkeit zum Innovationsnetzwerk[*]

Werner Rammert

1. Die richtige Frage stellen

Es ist keine Frage: Die flotte Fahrt auf der Autobahn des technischen Fortschritts ist in Deutschland ins Stocken gekommen. Die Vehikel der technischen Entwicklung, zu denen wir vor allem Forschung und Industrie zählen, sind in den Stau geraten. Der Motor der technischen Innovation beginnt zu stottern. Dafür gibt es gegenwärtig genügend Anzeichen und Belege.

Im Werkzeugmaschinenbau, dem traditionellen Rückgrat produktionstechnischer Entwicklung, machen sich Zeichen deutlicher "Innovationsschwächen" bemerkbar.[1] In der Automobilindustrie, dem Motor moderner Volkswirtschaften, haben die fernöstlichen Hersteller die westlichen Produzenten nicht nur das Fürchten gelehrt. Sie haben zum ersten Mal den Richtungspfeil der Innovation umgekehrt und mit neuen Methoden und Modellen der Rationalisierung weltweit Maßstäbe gesetzt und das Tempo bestimmt.[2] Auf vielen Hochtechnologiefeldern, wie der Mikroelektronik, der Informationstechnik, der Telematik und der Biotechnik, werden im Technik-Report des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung beträchtliche "Lücken" diagnostiziert. In der Statistik der Patentanmeldungen liegt Deutschland auf diesen Gebieten weit zurück.[3] Die andauernden Diskussionen über die Globalisierung und deren Folgen für den Innovationsstandort Deutschland signalisieren, daß die eingespielte Motorik der Innovation im "deutschen Produktionsmodell" Probleme hat, sich auf die rasantere Geschwindigkeit der technischen Entwicklung einzustellen. Wer im globalisierten Verkehr mithalten will, muß auf radikalere Neuerungen, raschere Produktentwicklungen und risikofreudigere Akteure setzen.

Was bewirkt den Innovationsstau? Was bremst die technische Entwicklung? Auf diese Frage nach der Ursache werden verschiedene Antworten gegeben. Für die einen ist es der erlahmende Erfindungsgeist, für die anderen sind es die lähmenden Bedingungen für Erfinder. Für die einen ist es der Verfall der Forschung an den Universitäten, für die anderen ist es ihre Verselbständigung in den großen Forschungseinrichtungen. Für die einen ist es die mangelnde Risikobereitschaft der deutschen Banken, für andere ist es der Verlust von Unternehmungsgeist in den Großunternehmen. Für die einen sind es die vielen rechtlichen Regelungen und bürokratischen Hemmnisse, weil sie Unübersichtlichkeit schaffen und innovative Unternehmen ins Ausland vertreiben, wie im Bereich der Biotechnik. Für die anderen sind es die fehlenden Regulationen, weil sie die Richtung der Entwicklung im Ungewissen und das Risiko für Investitionen anwachsen lassen, wie auf dem Gebiet der Telekommunikation.

Wenn es darum geht, wieder in Fahrt zu kommen, werden viele Patentrezepte ausprobiert. Es werden überall "Erfinder- und Innovationspreise" ausgelobt. Es werden landauf und landab "Erfinderbörsen" und "Technologieparks" eingerichtet. "Existenzgründer" werden beraten und begleitet. Es wird zunehmend Risikokapital mobilisiert. Es soll mit den Worten des Bundespräsidenten Roman Herzog ein "Ruck" durch die ganze Gesellschaft gehen, der den Motor wieder auf Touren bringt.

Aber reicht es aus, einfach nur wieder Gas zu geben? Sollten wir nicht die Krise als Chance nutzen, über den Motor der technischen Entwicklung neu nachzudenken? Zu kurzsichtig ist die Frage, wie wir das Vehikel der Innovation wieder am schnellsten flottmachen können. Die richtige Frage, die wir uns heute stellen sollten, fragt danach, ob unser Antriebssystem noch zeitgemäß ist oder nicht besser durch ein anderes ersetzt werden müßte.

Wir kennen und nutzen heute zwei Antriebsmechanismen: den Typ "Innovation über den Markt" der Marke Schumpeter und den Typ "Innovation durch Organisation" der Marke "Manhattan", auf die ich noch später zu sprechen komme. Innovative Persönlichkeiten, Erfinder-Unternehmer wie Werner von Siemens und Alexander Graham Bell oder Systemmanager wie Friedrich List und Theodore Vail, waren die Motoren der technischen Entwicklung, als diese Typen vorherrschten. Auch heute bilden solche Persönlichkeiten immer noch ein wichtiges Moment bei der Gestaltung und Durchsetzung neuer Techniken. Aber die Komplexität von Hochtechnologien und die Heterogenität der an ihrer Entwicklung beteiligten Akteure drängen auf einen Wandel des institutionellen Arrangements, das ich an anderer Stelle ein "post-schumpeterianisches Innovationsregime"[4] genannt habe. Hier möchte ich aus der Geschichte der technischen Entwicklung heraus und von der Beobachtung aktueller Tendenzen technischer Innovation her die These entwickeln, daß sich neben den beiden anderen ein dritter eigenständiger Typ der Technikentwicklung entwickelt hat, den ich als "Innovation im Netz" bezeichne. Innovationsnetzwerke sind zeitlich begrenzte, locker durch Interaktion gekoppelte soziale Gebilde, die sich rund um eine Technologie über Verhandlungs- und Vertrauensbeziehungen zwischen verschiedenen Akteuren aus Forschung, Industrie und Politik herausbilden, um die wachsenden Unsicherheiten zu reduzieren. Innovationsnetzwerke - das möchte ich demonstrieren - sind heute die hybride Antriebseinheit, die Genese, Gestaltung und Gang der technischen Entwicklung maßgeblich vorantreiben.

Bevor ich den Wechsel zu diesem Typ genauer begründen werde, möchte ich Sie zunächst in die Geschichte der Motorik technischer Entwicklung zurückführen. Ich frage nach den Eigenarten und Anfängen innovativen Handelns. Dabei werde ich zu zeigen versuchen , wie die Dynamik technischer Entwicklung in modernen Gesellschaften durch ihre Einbettung in Wirtschaft und Wissenschaft zustande kommt.

Daran anschließend möchte ich Sie davon überzeugen, daß es gerade der Erfolg dieses modernen Modells technischer Entwicklung ist, der ihm die Grundlagen für eine erfolgreiche Zukunft entzieht. Die Beschleunigung des Innovationstempos, die Vervielfältigung der Innovationsakteure und die Globalisierung des Innovationsgeschehens bringen bewährte Standardlösungen und institutionelle Abstimmungen zwischen Forschung und Industrie ins Wanken. Tempounterschiede und Rhythmusstörungen verursachen das Stottern des Motors und den Stau der Antriebsdynamik.

Zum Schluß werde ich die Anzeichen dafür sammeln, daß sich auf vielen Feldern durch institutionelles Lernen neue Formen der Koordination herausgebildet haben. Neben der lockeren Kopplung von innovativen Akteuren in Wissenschaft und Wirtschaft durch den Markt und neben der strengen Kopplung von Forschung und Industrie durch Staat und Organisation bildet sich die eigenständige Form der interaktiven Vernetzung der Akteure durch Verträge, Verhandlung und Vertrauen heraus, die ich Innovationsnetzwerke nenne.

2. Nach den Anfängen und Einbettungen innovatorischen Handelns fragen

Die technische Entwicklung wurde immer schon durch innovatives Handeln bewegt - allein die institutionelle Einbettung macht den Unterschied.

Auf innovatives Handeln, nämlich Neues zu schaffen und zu nutzen, wird gerne hingewiesen, wenn es gilt, die moderne Gesellschaft von vormodernen Gesellschaften abzusetzen. Diese werden im Kontrast zur Moderne durch repetitives, routinisiertes und ritualisiertes Handeln gekennzeichnet. Aber auch vormoderne Gesellschaften kennen den Strom der Innovation. Ihre Mitglieder schätzen und fürchten seine magische Kraft. Sie versuchen, sie in besondere Territorien, z. B. der Magie und der Medizin, des Ritus und der Religion, zu bannen und sie auf diese Weise unmerklich und vermittelt in die Traditionen und Rhythmen ihres sozialen Lebens einzubetten. Andernfalls, wenn Innovationen nicht in lokale Traditionen eingebunden werden konnten, wurden ihre Verkörperungen als Teufelswerk gebrandmarkt und ihre Urheber verbannt oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Innovative Handlungen wurden wie andere abweichende Handlungen, beispielsweise kriminelles, ketzerisches oder geisteskrankes Verhalten, immer nur dann bestraft, wenn sie die herrschenden Institutionen oder die Solidarität der traditionellen Gesellschaft bedrohten.

Trotz der spektakulären Sanktionen innovativen Handelns im Mittelalter waren die feudalen Gesellschaften reich an technischen Entwicklungen. Sie fanden vor allem auf den Feldern von Ackerbau und Kriegswesen, von Bergbau und Handwerk, von Schiffsbau und Kirchenarchitektur statt. Sie kulminierten im 14. Jahrhundert derart, daß einige Mediävisten sogar von einer frühen "Industriellen Revolution" im Mittelalter[5] sprechen.

Im allgemeinen jedoch kann die technische Entwicklung in vormodernen Gesellschaften als ruhiger, kumulativer und kontinuierlicher Strom kaum wahrnehmbaren Wandels charakterisiert werden. Die langsame Evolution des Steigbügel, des Pflugs und der Drei-Felder-Wirtschaft, wie sie Lynn White nachgezeichnet hat,[6] sprechen für die "longue durée" im Rhythmus der vormodernen Innovation. Sie kannte weder individuelle Erfinder noch bedeutsame Brüche. Die Wogen der Innovation wurden durch die institutionellen Ordnungen der Kirche, des Rittertums und der städtischen Zünfte geglättet. Die innovativen Handlungen blieben in die räumlich segmentierten örtlichen Praktiken der Handwerker, Händler und Künstler eingebettet.

Die moderne Innovation kommt auf, wenn die innovativen Handlungen aus den lokalen Traditionen entbettet, überlokal gesammelt und interlokal verglichen werden. Forschungspraktiken werden gegenüber Routinepraktiken betont. Kreative Tätigkeiten werden von der Routine abgegrenzt und zu besonderen Rollen des Ingenieurs oder des Forschers gebündelt.[7] Die Neuerer befreiten sich von den traditionellen Banden des Handwerks und des Handels, indem sie aus der örtlichen Kontrolle der Städte und Höfe flüchteten. Mühlen außerhalb der Stadttore und Bergminen weit weg von den Burgwällen entwickelten sich zu den bevorzugten Plätzen technischer Innovation. Der Bau und die Verbesserung von Wasserpumpen war zum Beispiel nicht mehr länger in die lokale Routine der Bergbauarbeit integriert, sondern spaltete sich zur besonderen Aufgabe der "mechanici", den Vorläufern der modernen Ingenieure, ab. Sie sammelten und verglichen, wie z.B. Georg Agricola, die technischen Praktiken und Maschinenbeschreibungen von verschiedenen Plätzen. Die Aufmerksamkeit verschob sich von den lokalen zu den interlokalen Bezügen. Diese "Interlokalität" schuf einen eigenen Rahmen der Selbstreferenz. Je mehr sich die Techniker auf solche Sammlungen technischer Texte und Zeichnungen bezogen, desto stärker gewannen die technischen Entwicklungen an relativer Autonomie gegenüber den traditionellen Einbettungen. Mechanische Innovationen wurden auf andere mechanische Innovationen bezogen: die innovativen Handlungen wurden damit rekursiv. Dieser Prozeß begann mit den ersten Büchern über Mechanik und Maschinationen und mündete in die Bildung von ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen. Befreit von den Fesseln der örtlichen Traditionen und Autoritäten, konnte die moderne Innovation ihren eigenen Rhythmus entwickeln, der an die Temposteigerung des "Accelerando", z. B. in Maurice Ravels "Bolero", erinnert.

Mit der musikalischen Metaphorik läßt sich auch das Gemeinsame und Unterschiedliche zwischen vormoderner und moderner Innovation symmetrisch darstellen. Der Rhythmus der vormodernen Innovation könnte mit der Taktfolge: Routine - Routine - Innovation / Routine - Routine - Innovation / usw. beschrieben werden. Routinehandlungen dominieren. Wenn Probleme auftauchen, mag innovatives Handeln entstehen, aber es wird in den routine-dominierten Rhythmus integriert oder ganz ausgelöscht. Der Rhythmus der modernen Innovation ist jedoch viel lebhafter: Innovation - Routine - Routine / Innovation - Routine - Routine / usw. Jetzt wird der erste Takt betont. Die innovativen Akte werden verbunden, und ein andersartiger Rhythmus entsteht. Der Rhythmus ist beschleunigt wie im Wiener Walzer, obwohl er aus denselben Elementen wie vorher besteht. Der Tempowandel wurde nicht durch einen substantiellen Wandel, sondern nur durch die Veränderung der Emphase und der Interpunktion bewirkt.

Unter einer institutionellen Perspektive läßt sich der Prozeß der Entbettung der technischen Innovation empirisch genauer beobachten. Es ist richtig, daß mit der Moderne auch das innovative Handeln aus den Traditionen herausgelöst wurde. Aber im Vergleich zu den anderen Handlungsformen entwickelte sich kein spezifisches rekursives Teilsystem der technischen Innovation. Die moderne technische Entwicklung - so lautet meine These - wurde in zwei andere Sozialsysteme wiedereingebettet: Die technische Innovation ging eine Symbiose mit dem wissenschaftlichen Forschungssystem und mit dem ökonomischen Produktionssystem ein.

Was wissen wir von ihrer Verbindung mit den modernen Wissenschaften?

Die technische Entwicklung war von Anfang an eng mit der empirischen Untersuchung in den bildenden und nützlichen Künsten und mit der wissenschaftlichen Forschung verknüpft. Im Italien der Renaissance entstand die "experimentelle Philosophie", wie die moderne Naturwissenschaft damals genannt wurde, aus der Kreuzung der humanistischen Universitätskultur mit der technischen Kultur der höheren Handwerker und Künstler.[8] Die neuen Wissenschaften, wie sie von der London Royal Society gefördert wurden, beruhten ganz entscheidend auf der experimentellen Demonstration wissenschaftlicher Aussagen in Gegenwart einer kleinen Gruppe von Gentlemen.[9] Seitdem war die wissenschaftliche Entwicklung eng mit Fortschritten des Instrumentenbaus und der Verfügung über immer raffiniertere und größere Experimentieranlagen verbunden.

Was wissen wir über die Bindung technischer Entwicklung an die moderne Wirtschaft? Offensichtlich entwickelte sich die technische Innovation auch von Anfang an zu einem charakteristischen Wesenszug des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Technische Entwicklungen wurden vielfältig mit der wirtschaftlichen Entwicklung verflochten. Vor allem die Entwicklung der Produktionstechniken folgte den Pfaden wirtschaftlicher Rationalisierung. Prozeßinnovationen wurden vorangetrieben, die Arbeitsproduktivität zu steigern und Arbeitskräfte zu ersetzen oder auch zu kontrollieren. Produktinnovationen wurden verfolgt, um neue Märkte zu erschließen. Die Definition technischer und ökonomischer Effizienz zeigen kaum noch Unterschiede. Schon Karl Marx und Max Weber argumentierten einhellig, daß der Kurs technischer Entwicklung auf lange Sicht hin ökonomisch bestimmt sei.

Die technische Innovation war - wie wir bisher sehen konnten - auf den Gebieten der Wissenschaft und der Wirtschaft wieder neu eingebettet worden, d.h. daß sich dort neue Traditionen innerhalb der Moderne[10] herausbilden. Neue Techniken entwickeln sich also an verschiedenen Orten und mit unterschiedlichen Rhythmen. Die Paradoxie der technischen Innovation besteht darin, daß innovatives Handeln, wenn es vollkommen ungebunden ist, rücksichtslos das Gute zugunsten des Besseren zerstört. Joseph Schumpeter hat das die "schöpferische Zerstörung" genannt. Um also die Errungenschaften der entfesselten Innovation ohne ihre Nachteile nutzen zu können, sind Institutionen erforderlich, mit der Paradoxie der Innovation umzugehen und ihre Unbestimmtheit und Destruktivität einzugrenzen

In der Wissenschaft wurden die destruktiven Züge der technischen Innovation dadurch gezügelt, daß dem theoretischen Argument gegenüber dem Experiment Priorität eingeräumt wurde. Solange wie eine experimentelle Neuerung nicht im Rahmen eines theoretischen Paradigmas erklärt werden kann, wird es keinen Einfluß auf die wissenschaftliche Entwicklung gewinnen.

In der industriellen Wirtschaft kontrollieren eine Reihe von stillen Praktiken und regulatorischen Institutionen die Ambivalenz technischer Innovation. Das zerstörerische Tempo von Innovationen konnte durch den Aufkauf von Patenten und durch geheime Marktabsprachen gedämpft werden. Unternehmen nahmen auch darauf Einfluß, indem sie eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilungen einrichteten oder sich an gemeinsamen Industrielabors beteiligten.

Auf der Ebene der gesamten Wirtschaft konnten lange Wellen der technischen Innovation beobachtet werden. Sie ergeben sich als nicht-intendierte Folgen der innovativen Handlungen in Wissenschaft und Industrie. In Zeiten normaler industrieller Technikentwicklung werden radikale Innovationen wegen ihres destruktiven Charakters vermieden. Defensive Innovationen geben den Ton an. Aber wenn ein herrschendes technisch-ökonomisches Paradigma seinen Gipfelpunkt überschritten hat und die Märkte zu stagnieren beginnen, dann erhalten wissenschaftliche Erfinder und Erfinder-Unternehmer ihre Chance: Die Sperren gegen radikale zerstörerische Innovationen werden durchbrochen. Die lokalen Durchbrüche können von wirtschaftlichen und politischen Systembildnern zu weltweiten technischen Regimes, wie dem Eisenbahnsysstem oder dem Telefonsystem, ausgebaut werden.

Aus der Koevolution von wirtschaftlicher und technischer Entwicklung erwächst der technischen Innovation ein zyklischer Charakter. Phasen der Festigung lösen sich mit Phasen der Fermentierung ab. Kontinuität und inkrementelle Innovation wechseln mit Diskontinuität und radikaler Innovation. Eine der vielen technologischen Alternativen wird dann durch die institutionelle Selektion begünstigt. Sie wird durch Nachahmung und Auszeichnung dauerhaft zum dominanten Design stabilisiert.

Der diskontinuierliche zyklische Rhythmus der modernen Innovation unterscheidet sich also deutlich vom kontinuierlichen, kumulativen Rhythmus des vormodernen technischen Wandels. Der Unterschied betrifft das symbolische Markieren und das technische Materialisieren. In der Moderne wird das Neue explizit gegenüber dem Alten hervorgehoben und höher bewertet. Dadurch wird die Motorik der technischen Entwicklung beschleunigt. Außerdem werden in der Moderne die Innovationen in weitergreifende "Technostrukturen"[11] materialisiert. Das sind eben nicht nur neue technische Artefakte, sondern komplexe technische Systeme, in denen Maschinen, Programme und Praktiken eng miteinander verkoppelt sind. Dadurch erhalten sie eine größere Festigkeit und Widerständigkeit gegenüber neuem Wandel.

Wir können unsere Überlegungen zusammenfassen: Im Mittelalter waren Handwerker, Mechanici und Alchimisten die Motoren der technischen Entwicklung. Die Institutionen der Zunft und der Kirche wirkten in der Regel als Bremsen. In der Moderne wurde die technische Innovation beschleunigt, weil sie aus den festen Bahnen der Zünfte und der Moral entbettet wurde. Experimentierende Wissenschaftler und unternehmerische Instrumentebauer waren wichtige Motoren der technischen Innovation in der frühen Neuzeit. Die technische Innovation wurde jedoch in die institutionellen Ströme wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Produktion wiedereingebettet, die ihr neue Bahnen vorschrieben. Die unterschiedlichen Zeitperspektiven von Wissenschaft und Wirtschaft erklären die Diskontinuität der modernen technischen Entwicklung und ihre zyklische Natur.[12]

3. Nach den Folgen der modernen Motorik und den Anzeichen für ihre Krise fragen

Die Motorik der technischen Entwicklung wird in der Moderne extrem beschleunigt; das geschieht allerdings in einem besonderen, aber heterogen verteilten System der Technikerzeugung. Tempo und Richtung der technischen Entwicklung werden zwar von lokalen Traditionen entbunden, hängen aber nunmehr von einer Vielfalt institutioneller Felder ab. Wissenschaft, Wirtschaft und Staat unterscheiden sich jeweils hinsichtlich ihrer leitenden Orientierungen und ihrer Zeithorizonte.

In der Wissenschaft kann eine wachsende wechselseitige Bedingtheit von wissenschaftlicher und technischer Innovation beobachtet werden. Als Konsequenz fällt das, was man "reine Wissenschaft" nannte, zunehmend mit der "angewandten Wissenschaft" zusammen. Die Computerwissenschaften und die Molekularbiologie können als solche hybriden Technowissenschaften oder "Hochtechnologien"[13] angesehen werden. Die Verwissenschaftlichung der Techniken wirft immer größere Probleme für die praktische Nutzung in anderen Kontexten auf.[14] Um die wachsende Kluft zwischen wissenschaftlicher Technologie und praktischer Anwendung zu schließen, werden die Beziehungen zwischen Universität und Industrie zunehmend gestrafft und stromlinienförmig organisiert.[15]

In der Wirtschaft führte die enge Verbindung von Industrie und technischer Innovation zum Aufstieg der wissenschafts-basierten Industrien. Forschung und Entwicklung sind dort in die Unternehmen selbst oder zwischen ihnen in gemeinschaftliche Forschungsinstitutionen, wie diejenigen der Fraunhofer-Gesellschaft, integriert. Als Folge wachsender Forschungsintensität muß die industrielle Produktion immer häufiger den Standardpfad ihres Produktzyklus verlassen. Sie gerät zunehmend unter den Imperativ der global entfesselten technischen Innovation. Um mit diesem beschleunigten Tempo technischer Innovation Schritt halten zu können und die Unsicherheiten zu verringern, die damit verbunden sind, suchen die Unternehmen eine engere Kooperation zwischen Entwicklern und Herstellern und eine festere Bindung zwischen Herstellern und Anwendern.[16]

In der Politik wußten die Staaten immer schon, wie die Früchte der technischen Innovation am besten zu ernten seien. Die modernen Nationalstaaten gewannen ihre wirtschaftliche Wohlfahrt und militärische Stärke hauptsächlich durch die Nutzung technischer Verbesserungsleistungen. Um gegenwärtig ihre wirtschaftliche und geopolitische Stellung in der Welt zu wahren, sind sie zunehmend gezwungen, technische Innovationen auf strategischen Feldern selbst zu identifizieren und angemessen zu fördern. Je mehr Innovationen bewußt technologiepolitischen Entscheidungen unterworfen werden, desto stärker drohen die Risiken der Fehlentscheidung, ihrer Zurechnung zu den politischen Entscheidern und ein allgemeiner Vertrauensverlust. Die Regierungen sehen sich gezwungen, vermehrt Beratung und flächendeckend Folgenabschätzung bei Experten zu suchen. Es wird zur neokorporatistischen Regulierung der Beziehungen zwischen Wissenschaft, Industrie und Staat zurückgegriffen.

Die angesprochenen institutionellen Veränderungen trugen bisher auf jedem einzelnen Gebiet zur Beschleunigung der technischen Innovation bei. Die Standardabfolge von der wissenschaftlichen Entdeckung über die technische Erfindung bis zur ökonomischen Innovation regulierte den im Grunde regellosen Strom der Innovationen. Die institutionelle Differenzierung schrieb jedem der am Prozeß Beteiligten eine bestimmte Rolle zu. Einfache Rückkopplungsprozesse zwischen Wissenschaft und Technik oder zwischen Hersteller und Anwender neuer Techniken festigten die eingeschlagenen Pfade technischer Entwicklung. Der Verlauf einer technischen Innovation war in gewisser Weise erwartbar. Auf analoge Weise, wie der moderne Wohlfahrtsstaat in den sechziger und siebziger Jahren einen Standardlebenslauf für die Beschäftigten geschaffen hatte, gelang es dem modernen institutionell differenzierten System der Technikentwicklung, ein wohl abgestimmtes und effizientes Innovationsregime zu etablieren und einen Standardverlauf für Innovationen zu gewährleisten.

Aber seit zwei Jahrzehnten zeigt dieses Innovationsregime, wie der Wohlfahrtsstaat auch, Zeichen von Krise und Auflösung. Immer stärker mehren sich die Anzeichen dafür, daß die erfolgreiche Beschleunigung und die funktionale Aufteilung der innovativen Handlungen die etablierten institutionellen Arrangements untergräbt und daß die standardisierten Innovationspfade verlassen werden. Die Folgen der erfolgreichen Innovation verändern ungewollt die Form der Innovation. Diesen Sachverhalt kann man als Fall von reflexiver Modernisierung deuten, einer Modernisierung der unbeabsichtigten Folgen der ersten Modernisierung.[17] Auf der institutionellen Ebene können wir folgende Veränderungen als Indikatoren für eine "reflexive Innovation" beobachten:

Die herausgegriffenen institutionellen Veränderungen können als "ironische" Konsequenzen der Modernisierung der technischen Entwicklung angesehen werden. Sie sind als unbeabsichtigte Folgen der erfolgreichen Institutionalisierung und der rasanten Temposteigerung der Innovation in der Moderne entstanden. Neben der Ironie teilen die institutionellen Veränderungen drei weitere Kennzeichen: Ambivalenz, Verteiltheit und globale Verdichtung.

Ambivalenz bezeichnet das Ende der Eindeutigkeit und Gewißheit moderner Innovation. Es kann nicht mehr länger ein fester Weg erwartet werden kann, wie technische Innovationen in Gang gesetzt, erfolgreich organisiert und angemessen ihre Folgen abgeschätzt werden können. Moderne Wissenschaft, angetreten unter dem Motto, alle Aussagen über die Kräfte der Natur mit Gewißheit zu treffen, kann nicht mehr die Harmlosigkeit einer Innovation garantieren. Moderne Technologie, getrieben vom Motiv, die gewünschten Kräfte zu praktischem Nutzen in einen geregelten Mechanismus einzukapseln, kann weder alle Einflüsse eindämmen noch alle Effekte und Nebeneffekte kontrollieren.

Verteiltheit bedeutet Vielfältigkeit und Heterogenität der Handlungen, die an der Produktion einer neuen Technik beteiligt sind. Es kann kein Zentrum und kein zentraler Akteur für die technische Entwicklung identifiziert werden. In dieser Hinsicht dürfen wir der postmodernen Diagnose folgen, daß wir in einer Welt mit einer Pluralität von Rationalitätsstandards leben. Dementsprechend gibt es keinen privilegierten Zugang zur Bewertung technischer Innovationen, weder von seiten der Technikwissenschaften noch von seiten der Ökologiebewegung.

Globale Verdichtung zeigt eine neue raum-zeitliche Beziehung an: Das Lokale und das Globale können nicht mehr länger voneinander getrennt gehalten werden. Vor allem die neuen Medien der Kommunikation haben die Zeiten der Übermittlung und die räumlichen Entfernungen geschrumpft.[21] Lokale Entscheidungen müssen zunehmend die globalen Implikationen mitbedenken: Wissenschaftliche Experimente, wie das geklonte schottische Schaf, können in ihren Folgen nicht auf die überschaubare internationale Gemeinschaft der Medizinforscher begrenzt werden. Folgen technischer Unfälle, wie die radioaktive Wolke von Tschernobyl, machen nicht an nationalen Grenzen halt. Insgesamt treiben die Globalisierung der Wirtschaft und das weltweite Netz der Kommunikation das Tempo der technischen Innovation an und treiben ihre Risiken in die Höhe.

Lassen sich die Konsequenzen dieser institutionellen Veränderungen auch auf der Ebene der individuellen Innovationsverläufe feststellen? Gibt es dort auch empirische Indikatoren dafür, daß sich die Muster technischer Entwicklungen angesichts ansteigender Ambivalenz, vielfältiger Verteiltheit und globaler Verdichtung verändern?

Analog zu Tendenzen der Auflösung fester Klassenmuster und der "Individualisierung" vorher stark standardisierter Lebensläufe unter dem Wohlfahrtsregime lassen sich für die technische Entwicklung veränderte Innovationsverläufe feststellen:

Ich fasse zusammen: Ein höherer Grad an Vielfältigkeit[22], eine Chance zu stärkerer Individualität, eine anspruchsvollere Rückkopplung und ein differenzierteres Tempo markieren den im Entstehen begriffenen Verlauf reflexiver technischer Innovation. Die Vielfältigkeit resultiert aus der radikalen Entbettung und dem steigenden Bewußtsein für Ambivalenz. Sie ist zweifellos eine Konsequenz der Moderne.[23] Die langsame Auflösung der Standardverläufe schafft auf der einen Seite mehr Spielraum für individuelle und alternative Technikentwürfe. Aber auf der anderen Seite verlangt die Pluralität der Teilnehmer und die Heterogenität der Kontexte ein umfassenderes rekursives Lernen[24]. Die verschiedenen Agenturen müssen koordiniert und die unterschiedlichen Zeiten aufeinander abgestimmt werden.

Unter den Bedingungen der reflexiven Innovation entsteht der paradoxe Effekt: Je mehr der technische Wandel in den verschiedenen Phasen und auf den unterschiedlichen Feldern beschleunigt wird, desto stärker wird das Tempo der gesamten konzertierten Innovation gebremst. In einem heterogen verteilten System der Innovation wachsen nämlich die Koordinationsprobleme zwischen den unterschiedlichen Motiven und die Synchronisationsprobleme der unterschiedlichen Tempi an. Musikalisch gesehen erzeugen die vielen "Accelerandos" der einzelnen Melodien eine steigende Disharmonie und ein "Ritardando" im Gesamtkonzert. Gefragt ist also ein neues Innovationsregime, das der Herausforderung der reflexiven Innovation gewachsen scheint und einen Koordinationsmechanismus kennt, der Vielfältigkeit und Ambivalenz toleriert, rekursives Lernen besser begünstigt und Zeitdifferenzen zuläßt.

4. Was könnte der Motor der technischen Entwicklung im neuen Innovationsregime sein?

Die reflexive Modernisierung der Innovation löst also unbeabsichtigt ihre institutionellen Arrangements und die Standardform von Innovationsverläufen auf. Welcher Motor oder welcher soziale Mechanismus könnte jetzt in der Lage sein, die Vielfalt der Felder, der Zeiten und der Akteure zu erhalten und gleichzeitig ihre heterogene Verteiltheit zu koordinieren und ihre asynchronen Rhythmen zu konzertieren?

Die moderne Gesellschaft verläßt sich im wesentlichen auf zwei Mechanismen der Koordination sozialen Handelns: der Mechanismus des Marktes und der Mechanismus der hierarchischen Organisation. Märkte gelten als wirksame Mittel, eine bunte Vielfalt von Bedürfnissen mit einer breiten Palette von Produkten abzustimmen. In zeitlicher Hinsicht werden durch die Tauschakte die unterschiedlichen Tempi von Produktion und Konsumtion automatisch konzertiert. Insofern sind Märkte also extrem effiziente Mittel der Zeitsynchronisation. Aber Märkte erfordern eine bestimmte Berechenbarkeit kritischer Ereignisse. Märkte versagen als Mittel der Koordination, wenn die Unsicherheiten zu stark ansteigen und sich die Zeithorizonte zu weit ausdehnen. Das ist auch der Grund dafür, daß eine liberale Innovationspolitik der Deregulierung, die auf die Selbstregulation durch Märkte setzt, nicht erfolgreich sein kann. Gesetzliche und bürokratische Hindernisse für Innovationen können zwar beseitigt und das Tempo der Innovation teilweise gesteigert werden. Aber gleichzeitig wachsen die Klüfte zwischen den unterschiedlichen Feldern der Innovation und ihren Zeitregimes. Die Unsicherheiten des gesamten Innovationsprozesses werden für die einzelnen Akteure unzumutbar erhöht.

Organisationen, einschließlich Staat und Bürokratie, haben sich als verläßliche Koordinatoren ganz unterschiedlicher Aufgaben und Zeitperspektiven erwiesen. Sie sind so erfolgreich, weil sie in ihren Grenzen Berechenbarkeit und Bestimmtheit herstellen können. Sie schaffen ihre eigene Ordnung und unterwerfen menschliche Handlungen, maschinelle Operationen und symbolische Äußerungen ihrer prozeduralen Rationalität. In zeitlicher Hinsicht haben sich Organisationen besonders gut als Mechanismen der Koordination bewährt, wenn es um die Zeitrechnung, die Zusammenführung verschiedener Zeiten und um die langfristige Speicherung von Ereignissen ging. Aber Organisationen versagen, wenn Unterschiede aufrechterhalten und Zeithorizonte offengehalten werden sollen. Daher dürfte auch eine neokorporatistische Innovationspolitik, die auf Regulierung und Entdifferenzierung setzt, nur begrenzte Erfolgsaussichten haben. Denn sie unterwirft die heterogenen Kräfte und Felder unter gemeinsame Projekte, geteilte Programme und gleiche Prioritäten. Diese Konzentration und Ausrichtung der vielfältigen Visionen und Tempi der technischen Entwicklungen auf einige Leitbilder und Förderschwerpunkte riskiert, die wissenschaftliche Kreativität zu kanalisieren und die breiter verteilte unternehmerische Innovationslust zu dämpfen.

Die beiden Motortypen "Innovation über den Markt" der Marke Schumpeter und "Innovation durch Organisation" der Marke Manhattan verschwinden nicht aus dem Arsenal der reflexiven Moderne. Risikofreudige, innovative Unternehmer und Ressourcen mobilisierende Systembildner bleiben wichtige Antriebselemente der technischen Entwicklung. Sie erhalten in einem sich verändernden Innovationsregime nur eine andere Position.

Der Typ der "Innovation über den Markt" ist der klassische Fall, den der frühe Schumpeter vor Augen hatte. Erfinder-Unternehmer machten sich frei von den gewohnten Verfahren, den gesicherten Märkten und den kalkulierbaren Gewinnen. Sie schufen sich mit eigenen Produktideen und gekauften Patenten neue Märkte. Sie sorgten damit unbeabsichtigt für das unübersichtliche Anwachsen technischer Neuerungen und darauf gründender Industrien. Der Erfolg dieses Typs in der Pionierphase führt zur Bildung großer Konzerne und industrieller Imperien, wodurch ihm selbst dann die Grundlagen entzogen werden.

Der Typ der "Innovation durch Organisation" gewinnt in Phasen der Stabilisierung an strategischer Bedeutung. Die Größe der Unternehmen ermöglicht die Aneignung und Bündelung der verschiedenen Quellen technischer Innovation. Die Kapitalkraft sichert den Erwerb und die Kontrolle der entscheidenden Patente. Die Errichtung eigener Forschungs- und Entwicklungslabors sorgt für den unmittelbaren Anschluß an die wissenschaftlich-technische Entwicklung. Die Risiken der Innovation werden durch Routinen minimiert. In der Industrie wird die Innovation in die vorgezeichneten Bahnen der ständigen und stückweisen Verbesserung gelenkt. In der staatlich organisierten Forschung werden sie auf wenige Großprojekte und strategische Förderprogramme konzentriert. Aber auch bei der "Innovation durch Organisation" schlagen die offensichtlichen Erfolge in Krisen um. Der späte Schumpeter hatte schon vor den Gefahren der "vollkommen bürokratisierten Rieseneinheit" für das innovative Potential gewarnt: "Das Erfinden selbst ist zu einer Routinesache geworden...".[25] Heute sehen wir, daß die strategische Beherrschung von Technologiefeldern nicht einmal gegen Blindheit für technische Neuerungen gefeit ist, wie die Vernachlässigung des PC bei IBM gezeigt hat. Die Erfolge staatlicher Forschungskoordination, wie die gezielte Entwicklung der Atombombe oder die massive Förderung der zivilen Atomenergie, begrenzen heute die Bereitschaft des Staates, sich ohne Kenntnis der Finanzierungszeiträume und der Folgedimensionen so stark festzulegen.

Gefordert ist gegenwärtig ein Antriebsmechanismus, der die Nachteile der beiden anderen vermeidet und ihre Vorzüge vereint. Netzwerke scheinen gegenüber Markt und hierarchische Organisation diese besondere Eigenschaft zu besitzen. Statt auf Tausch und Anweisung beruhen sie auf Verhandlung. Statt über Geld und Macht werden sie über Vertrauen geregelt.[26] Verhandlungen behalten die Flexibilität des Marktes bei, ohne seine Gleichgültigkeit gegenüber der Beschaffenheit der Güter und der Eigenschaft der Akteure zu zeigen. Vertrauensbeziehungen verringern die Unsicherheiten, ohne die Unterschiede zwischen den Ereignissen und ihren Zeitrhythmen so einzuebnen, wie es Organisationen normalerweise tun. In zeitlicher Hinsicht lassen Netzwerke heterogene Einheiten, unterschiedliche Tempi und einen offenen Zeithorizont zu. Diese Eigenschaft macht sie in meinen Augen zu einem überlegenen Mittel, die zunehmende Vielfältigkeit im verteilten System der Technikerzeugung durch lockere Kopplung und zeitlich flexibel zu koordinieren.

Eine reflexive Innovationspolitik verfolgt daher eine im Vergleich zur Organisation lockere, aber im Vergleich zum Markt verbindlichere Vernetzung heterogener Akteure. Sie muß der Tendenz zur Schließung ebenso wehren wie der Tendenz zur Bildung von strategischen Hierarchien.[27]

"Innovationsnetzwerke" entwickeln sich - wie wir oben gesehen haben - als Reflex auf die selbst erzeugten Grenzen der beiden anderen Innovationstypen. Sie bestehen aus einem lockeren Verbund zwischen verschiedenen Praktiken und einer verbindlichen Assoziation nach Größe und Expertise heterogener Partner. Wir können von einem "Innovationsnetzwerk" immer dann sprechen[28], wenn der Zugang zum Netz für alle grundsätzlich offengehalten wird, wenn im Netz keinem etwas aufgezwungen wird, wenn ein Spielraum für Aushandlungen gegeben ist und wenn erfahrungsbasiertes Vertrauen die Beziehungen zwischen Konkurrenz und Kooperation regelt. Solche Innovationsnetzwerke können die institutionellen Unterschiede und Tempodifferenzen aufeinander abstimmen und gleichzeitig in ihrer Verschiedenheit aufrechtzuerhalten. Wenn wir wieder zum musikalischen Vergleich übergehen, hieße das, eine Vielfalt dissonanter Melodien und asynchroner Rhythmen nicht polyphon zu harmonisieren, sondern wie Igor Strawinsky oder Charles Ives polyrhythmisch zu vernetzen. Oder in der Metaphorik des Motorantriebs: Innovationsnetzwerke lassen sich als Hybridmotoren vorstellen, welche jeweils nur die günstigen Eigenschaften eines Benzin- und eines Elektromotors nutzen.

Die neuen Zeiten für technische Innovationen haben schon längst begonnen: Vor drei Jahren wurde ein Patent für eine biotechnische Innovation angemeldet. Es ging um die Herstellung eines Tiermodells für die Alzheimersche Krankheit. Wer war der kreative Erfinder? Ein Wissenschaftler, ein findiger Mediziner oder eine innovative Firma? Nichts von alledem! Hinter den 34 Autoren verbirgt sich ein Innovationsnetzwerk. Es besteht aus den Interaktionen zwischen zwei neu gegründeten Biotechnikfirmen, einem etablierten pharmazeutischen Konzern, einer Eliteuniversität, eines staatlichen Forschungslabors und eines gemeinnützigen Forschungsinstituts.[29]

Wer ist der Motor der technischen Entwicklung heute?

Wenn weder der Schumpetersche risikofreudige Erfinder-Unternehmer noch der kapitalistische Konzern, weder der kreative Wissenschaftler noch die staatliche Großforschung allein den Gang der Innovation bestimmen können, dann werden die Innovationsnetzwerke zu den bestimmenden Agenturen im post-schumpeterianischen Innovationsregime. Neuerungen sind Netzwerkeffekte. Innovationen entstehen im Netz. Innovationsnetzwerke sind der neue Motor der technischen Entwicklung.


Fußnoten:

[*]Die Thesen des Textes basieren auf Erfahrungen, die ich in mehreren empirischen Projekten gesammelt habe: Untersuchungen zu Produktinnovationen in fünf Unternehmen, acht intensive technikgenetische Fallstudien im Bereich der Künstliche-Intelligenz-Technologien und sechs Innovationsverlaufsanalysen von der Solarthermik bis zum Car-Sharing. In Teilen des Textes wurden Passagen aus dem Beitrag "Innovation im Netz - Neue Zeiten für technische Innovationen: heterogen verteilt und interaktiv vernetzt" übernommen, der in der SOZIALEN WELT 1998 erscheint.

[1]Vgl. Hartmut Hirsch-Kreinsen: Innovationsschwächen der deutschen Industrie. Wandel und Probleme von Innovationsprozessen; Technik und Gesellschaft. Jahrbuch 9, Frankfurt/M. 1997, S. 153-74

[2] Vgl. Ulrich Jürgens/Frieder Naschold: Arbeits- und industriepolitische Entwicklungsengpässe der deutschen Industrie in den neunziger Jahren; in Wolfgang Zapf/Meinolf Dierkes (Hrsg.): Institutionenvergleich und Institutionendynamik. WZB-Jahrbuch. Berlin 1994, S. 239-70

[3] Vgl. Hariolf Grupp: Der Delphi-Report - Innovationen für unsere Zukunft. Stuttgart 1995

[4] "Auf dem Weg zu einer post-schumpeterianischen Innovationsweise: Institutionelle Differenzierung, reflexive Modernisierung und interaktive Vernetzung im Bereich der Technikentwicklung, in: Technikentwicklung und industrielle Arbeit, hrsg. Von Daniel Bieber, Frankfurt/M. 1997, S. ??

[5] vgl. dazu exemplarisch Wolfgang von Stromer: Eine "Industrielle Revolution" im Mittelalter? In: Technik-Geschichte, hrsg. Von UlrichTroitzsch/Gabriele Wohlauf, Frankfurt/M. 1980, S. 105-138

[6]vgl. Lynn White: Medieval Technology and Social Change. Oxford 1962

[7] Ausführlicher zur Ausdifferenzierung des Forschungshandelns siehe Wolfgang Krohn/Werner Rammert: Technologieentwicklung: Autonomer Prozeß und industrielle Strategie; in: Soziologie und gesellschaftliche Entwicklung, hrsg. von Burkart Lutz, Frankfurt/M. 1985, S. 411-33

[8] Siehe Edgar Zilsel: Die sozialen Ursprünge der neuzeitlichen Wissenschaft. Frankfurt/M. 1976

[9] Siehe hierzu die bahnbrechende Studie von Steven Shapin/Simon Schaffer: Leviathan and the Air Pump. Hobbes, Boyle and the Experimental Life. Princeton 1985

[10] Zur "neuen Tradition" und zur "Wiedereinbettung siehe Anthony Giddens: Tradition in der posttraditionalen Gesellschaft; Soziale Welt 44/4 (1993), S. 445-85

[11] Zu Begriff und theoretischem Ansatz siehe jetzt Werner Rammert: New Rules of Sociological Method: Rethinking Technology Studies; British Journal of Sociology 48/2 (June 1997), S. 171-91

[12] Eine die Kontinuität zwischen den Diskontinuitäten der Forschungsereignisse betonendes Modell stellt Janos Wolf: Innovationsstruktur. Zufall, Ordnung und Spielraumbildung in der Entstehung der Penicillin/Antibiotika-Revolution. Berlin 1997 am Beispiel der Entwicklung der Antibiotika vor.

[13] Zu den "Technosciences" siehe Bruno Latour: Science in Action. How to Follow Scientists and Engineers Through Society. Cambridge, MA 1987 und zur "Hochtechnologie" Werner Rammert: Von der Kinematik zur Informatik. Konzeptuelle Wurzeln der Hochtechnologie im sozialen Kontext; in: Soziologie und künstliche Intelligenz. Produkte und Probleme einer Hochtechnologie, hrsg. Von Werner Rammert, Frankfurt/M: 1995, S. 65-110, und Petra Ahrweiler: Künstliche Intelligenz-Forschung in Deutschland. Die Etablierung eines Hochtechnologiefachs. Münster 1995

[14] Zum Beispiel bei der Entwicklung und Anwendung von Expertensystemen vgl. Werner Rammert u.a.: Wissensmaschinen. Die soziale Konstruktion eines technischen Mediums - Das Beispiel Expertnsysteme. Frankfurt/M. 1998

[15] Siehe zum aktuellen Stand der Debatte Harvey Brooks: The Relationship between Science and Technology; in: Research Policy 23 (1994), S. 477-86

[16] Siehe für viele Norbert Altmann/Dieter Sauer (Hrsg.): Systemische Rationalisierung und Zulieferindustrie. Sozialwissenschaftliche Aspekte zwischenbetrieblicher Arbeitsteilung. Frankfurt/M: 1989 und Bengt-Ake Lundvall: User-Producer-Relationships, National Systems of Innovation and Internationalization; in Dominique Foray/ Christopher Freeman (eds.): Technology and the Wealth of Nations. London 1993, S. 277-300

[17] Als Selbst-Konfrontation mit den internen latenten Nebenfolgen definiert Ulrich Beck die "reflexive" Modernisierung in der Einleitung zum gemeinsamen Buch mit Anthony Giddens und Scott Lash : Reflexive Modernisierung. Eine Kontroverse. Frankfurt/M. 1996, S. 27

[18] Für den Wandel der Wissensproduktion siehe vor allem M. Gibbons/C. Limoges/H. Nowotny/P. Scott/P. Trow: The New Production of Knowledge. The Dynamics of Science and Research in Contemporary Societies. London 1994

[19] Für die Informatiker und Maschinenbauer vgl. Burkart Lutz/Pierre Veltz: Maschinenbauer versus Informatiker - Gesellschaftliche Einflüsse auf die fertigungstechnische Entwicklung in Deutschland und Frankfreich; in: Technikentwicklung und Arbeitsteilung im internationalen Vergleich, hrsg. Von Klaus Düll/Burkart Lutz, Frankfurt/M. 1989, S. 213-285

[20] Siehe Ingo Schulz-Schaeffer/Michael Jonas/ Thomas Malsch: Innovation reziprok - Intermediäre Kooperation zwischen adademischer Forschung und Industrie; in Technik und Gesellschaft. Jahrbuch 9, Frankfurt/M: 1997, S. 91-127

[21] siehe Anthony Giddens, Fußnote 7, und Scott Lash/John Urry: Economies of Signs and Space. London 1994

[22] Auf die "Vielfältigkeit" weist auch Helga Nowotny: Die Dynamik der Innovation. Über die Multiplizität des Neuen; in Technik und Gesellschaft. Jahrbuch 9, Frankfurt/M. 1997, S. 33-54, hin.

[23] Vgl dazu Anthony Giddens: Die Konsequenzen der Moderne, Frankfurt/M. 1995

[24] Auf "rekursives Lernen" verweisen Helmut Wiesenthal: Lernchancen der Risikogesellschaft. Über gesellschaftliche Innovationspotentiale und die Grenzen der Risikosoziolgogie; Leviathan 22/1 (1994), S. 136-59, und Wolfgang Krohn: Rekursive Lernprozesse: Experimentelle Praktiken in der Gesellschaft Das Beispiel der Abfallwirtschaft; in Technik und Gesellschaft. Jahrbuch 9, Frankfurt/M. 1997, S. 65-90.

[25] Joseph Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie Bern 1946, S. 215 und 218

[26] siehe Walter W. Powell: Neither Markets Nor Hierarchy: Network Forms of Organization; in Research in Organization Behavior 12 (1990), S. 295-336, und Renate Mayntz: Modernisierung und die Logik von interorganisationalen Netzwerken; Journal für Sozialforschung 31/1 (1992), S. 19-32

[27] Siehe zu diesem Typ von Netzwerken Jörg Sydow: Strategische Netzwerke - Evaluation und Organisation. Wiesbaden 1992

[28] Eine ähnliche, aber etwas eingeschränktere Auffassung von "Innovationsnetzwerken" haben Christopher Freeman: Networks of Innovation: A Synthesis of Research; in Research Policy 20 (1991), S. 499-514, und Uli Kowol/Wolfgang Krohn: Innovationsnetzwerke. Ein Modell der Technikgenese; in Technik und Gesellschaft. Jahrbuch 8, Frankfurt/M. 1995, S. 77-105.

[29] Das Beispiel stammt von Walter W. Powell/ Kenneth W. Koput/Laurel Smith-Doerr: Interorganizational Collaboration and the Locus of Innoation: Networks of Learning in Biotechnology; Administrative Science Quarterly (March 1996), S. 116-45.