Eine Soziologie, als ob Natur nicht zählen würde

Werner Rammert

Bericht über die Plenarveranstaltung "Soziologie der Natur" und die Sektionssitzung "Natürlich sozial - Von der Sozialität der Dinge"

Das Thema des letzten Kongresses der DGS in Dresden lautete "Differenz und Integration". Die drei Sektionen "Soziologie und Ökologie", "Politische Soziologie" und "Wissenschafts- und Technikforschung" organisierten eine gemeinsame Plenarsitzung unter dem Motto "Soziologie der Natur: Technik und Umwelt vor den Pforten der Soziologie". Denn die Differenz von Natur und Gesellschaft ist für die Soziologie von fundamentaler Bedeutung: Konstituiert sie doch erstens von Anbeginn an die Soziologie als Fach mit einem anderen Gegenstand als die Naturwissenschaften und erzeugt diese Differenz doch weitere Differenzen der Erfahrung und des gesellschaftlichen Umgangs mit der Natur.

Die Frage nach der Möglichkeit einer Soziologie der Natur beinhaltet zugleich die Frage nach der "Natur" der Soziologie. Für die Soziologie war die "Emanzipation" der Gesellschaft von den Schranken der Natur bestimmend. Die Natur konnte gegenüber der Gesellschaft als etwas Konstantes betrachtet und daher in der Soziologie größtenteils ignoriert werden. Die Natur selbst und die Beziehungen der Gesellschaft zu ihr wurden als plastisch und unbegrenzt formbar angesehen. Die Einstellung der Soziologie, daß die Menschen im Gegensatz zu den Tieren nicht in einer geschlossenen Welt leben, geißeln die Umweltsoziologen Riley Dunlop und William Catton als "human exemptionalism". Wir Soziologen müssen eingestehen, daß die "Ausgrenzung der Natur aus der Soziologie" , wie es Leopold Rosenmayr kürzlich selbstkritisch eingestand, weitgehend konstitutiv für die Entwicklung unseres Fachs war und ist. Das gilt für Emile Durkheims Regel, "Soziales nur durch Soziales" zu erklären und die darauf aufbauende Tradition bis hin zu Talcott Parsons, ja auch bis zu Niklas Luhmann hin. Das gilt ebenso für die sozialkonstruktivistische Lehre, die Wirklichkeit eher als rein "gesellschaftliche Konstruktion" denn als eine Konstruktion zu verstehen, an der Natur auch mitwirkt. Man kann zugespitzt formulieren, daß in den Hauptströmungen unseres Faches weitgehend ein Verständnis von Soziologie vorherrscht, wie es Raymond Murphy jüngst formuliert hat: "eine Soziologie, als ob Natur nicht zählen würde".

Was sich bisher im Streit der Fakultäten als erfolgreiche Strategie der Etablierung der Soziologie als Unterrichtsfach bewährt hat, scheint sich in den Augen mancher Kritiker für die Zukunft der Soziologie als Behinderung zu erweisen. Zu zentralen Problemen der modernen Gesellschaft, wie den globalen Umweltgefährdungen, zu den Strategien des "sustainable development", zu den Ungewißheiten naturwissenschaftlichen Wissens und zu den Ambivalenzen technologischer Naturgestaltung, herrscht im Zentrum der soziologischen Theoriediskussion weitgehend Schweigen. Die Soziologie tut sich generell schwer, die natürliche Umwelt, die Naturwissenschaften und die technischen Objekte zum legitimen Gegenstand ihrer Disziplin zu machen. Zu sehr hat sie sich bisher auf die Robustheit der Natur, auf die Erkennbarkeit ihrer Gesetze und auf ihre technologische Beherrschbarkeit verlassen.

Für die Plenarveranstaltung "Soziologie der Natur" wurden daher von den beiden Organisatoren Karl-Werner Brand (München) und Werner Rammert (Berlin) Vertreter solcher Theorieansätze zum Vortrag ausgewählt, welche die vernachläßigte Seite der Differenz von Natur und Gesellschaft wieder ins Spiel bringen. Sie sollen gleichsam von den "Rändern" des Fachs, nämlich der Wissenschafts-, Technik- , Risiko- und Umweltforschung, wo die Probleme der lange verdrängten Natur besonders virulent werden, in das Zentrum des soziologischen Theorieverständnisses hineinwirken.

Im großen und ganzen lassen sich - so Rainer Grundmann (Köln) in seinem eröffnenden Referat " Die soziologische Tradition und die natürliche Umwelt" - drei Optionen für den soziologischen Umgang mit der Natur ausmachen: a) naturalistische Positionen, die der Kausalität der Natur, wie Eigenarten der Vererbung, des Klimas oder der darwinistischen Selektion eine erklärende Bedeutung zuweisen, b) soziologistische Positionen, die sich scharf dagegen wenden und nur soziologische Erklärungen sui generis zulassen und die Natur aus der Soziologie vertreiben und c) vermittelnde oder dialektische Positionen, die den Stoffwechsel zwischen Gesellschaft und Natur zum Gegenstand haben.

Die Rückkehr zu naturalistischen Positionen hält der Referent für höchst unwahrscheinlich. Zumindest in Deutschland stehen historische Erfahrungen und ideologiekritische Gründe davor. Allerdings werden im angelsächsischen Raum soziologistische Engführungen durch die Rezeption biologischer - etwa bei Ted Benton und Peter Dickens - und geographischer Ansätze - hier wurden Edward Soja und Anthony Giddens genannt - geweitet. Aber auch die Erben der soziologistischen Position, die sich als Paradigma der Soziologie durchgesetzt hat, beginnen sich zunehmend - wenn auch etwas verspätet unter dem äußeren Problemdruck - mit der Natur auseinanderzusetzen. Vor allem in der Kultursoziologie von Mary Douglas und Aaron Wildavsky und in der Risikosoziologie von Charles Perrow, Niklas Luhmann oder Ulrich Beck beobachten wir die verhaltene Rückkehr der Natur in die soziologischen Diskurse. Allerdings hält Grundmann eine weitergehende Revision der soziologistischen Ansätze für erforderlich, wenn die Soziologie die menschlichen Eingriffe in die Natur und ihre Rückwirkungen nicht weiter ausblenden will. Er plädiert für eine Wiederaufnahme der Natur-Gesellschaft-Dialektik, wie sie von Karl Marx in Ansätzen versucht wurde und wie sie heute - allerdings äußerst kritisch gegenüber Marx - in Anthony Giddens´ Sozialtheorie und Bruno Latours symmetrischer Anthropologie fortgesetzt wird.

Nach diesem Überblick über die möglichen Positionen und ihre historischen Konjunkturen war den Hörern noch nicht deutlich geworden, wie denn ein solcher vermittelnder Ansatz in den Grundzügen aussehen und mit welchen Konsequenzen er für das etablierte Selbstverständnis der Soziologie enden würde. Klar stellt sich der Soziologie, wenn sie zu den Zukunftsfragen an den Grenzen zwischen Gesellschaft und Natur gehört werden will, die Alternative, entweder ihren "soziologistischen Ansatz" so weit zu dehnen und auszureizen, daß sie den Umgang mit Natur thematisieren kann, oder aber das gesicherte Terrain soziologischer Tradition zu verlassen und hybride Systeme, heterogene Netzwerke und Cyborgs mit postmodernen, anthropologischen oder feministischen Ansätzen zu untersuchen, welche die Differenz zwischen Akteur und Aktand, zwischen Objekt und Subjekt und zwischen Körper und Technik in ihrer Ambivalenz belassen.

Befindet sich das Soziale auf dem Rückzug? Entwickeln sich neue Beziehungen, die für das moderne Selbst und die gegenwärtige Gesellschaft wichtig sind? Karin Knorr Cetina (Bielefeld) wagte sich mit ihrer These von der "postsozialen Wissensgesellschaft" auf das eben angesprochene neue Terrain. Alle reden von Individualisierung , den Tendenzen der Entbettung aus Familie und Gemeinschaft und den daraus erwachsenden Beziehungsproblemen; die Referentin hingegen sieht in der Technisierung den Haupttrend in unserer Gesellschaft: Die Objektbeziehungen nehmen zu, objektzentrierte Umwelten vermitteln die Beziehungen und schaffen neue Bindungen des modernen Selbst. Der Rückzug des Sozialen geht einher mit der Expansion gemischter Beziehungen. Karin Knorr Cetina spricht von einer "Kreolisierung" und "Hybridisierung" der modernen Gesellschaft.

Die Verknüpfung von Individualisierung und Objektualisierung wird nicht wie in der Tradition unter der Entfremdungsvermutung behandelt. Vielmehr geht es der Referentin um die Beschreibung einer anderen Kultur, in der Wissenschaft und Expertise in Form ihrer Produkte eingebettet sind. Dazu bedarf es einer Neufassung des soziologischen Objektbegriffs. Konzipiert man Objekte als "technische Instrumente" oder faßt sie als "Waren" auf, man bleibt in beiden Begriffstraditionen der Entfremdungsperspektive verhaftet. Gesucht wird ein Objektbegriff, der die Dynamik und Ambivalenz, aber auch die Dauerhaftigkeit der Beziehung umfaßt. Angeboten wurden von der Referentin verschiedene Konzepte: Sie begannen mit dem "epistemischen Ding" bei Jörg Rheinberger und dem "Grenzobjekt" bei Winnicott, führten zur "Struktur des Wünschens" in der Freud-Interpretation von Lacan und endeten mit der metaphorischen Perspektivübernahme der Molekularforscherin Barbara McClintock mit Blick auf ihre Bakterien.

Eine überzeugende Lösung für die Behandlung der Natur-Gesellschaft-Differenz wurde auch hier noch nicht vorgewiesen. Aber diese Überlegungen aus der Forschungswerkstatt zeichnen sich durch eine deutliche Markierung der Richtung aus, in der weiterzusuchen ist. Die veränderte Beziehung zu den Objekten und die Veränderung der Objekte selbst in ihrer neu gewonnenen Agentenschaft scheinen mir zentrale Dimensionen der kommenden Wissensgesellschaft zu sein. Wenn diese Gesellschaft auch nicht "postsozial" sein wird, so wird sie doch eine andere, stärker durch Objekte mediatisierte Sozialität aufweisen.

Nicht in fremdem Terrain bewegten sich die beiden nächsten Referenten Gotthard Bechmann (Karlsruhe) und Klaus P. Japp (Bielefeld). Sie betrachteten die "Soziologie vor den Toren der Natur", blieben also auf dem vertrauten Gelände soziologischer Reflexion. Sie versuchten

von der Abstraktionshöhe systemtheoretischen Denkens nicht über die Tore zu blicken, sondern auf die Tore selbst. Es gibt nicht ein einziges Tor, durch das man von der Gesellschaft zur Natur gelänge. Es gibt jedoch viele, gleichsam spiegelblanke Türen, die jeweils reflektieren, was in der Gesellschaft über die ökologischen Probleme kommuniziert wird.

Wenn also die "Einheit der Unterscheidung von Natur und Gesellschaft" nicht gesehen werden kann, dann ergeben sich verschiedene legitime Unterscheidungen. Doch jede weist ihre "blinden Flecken" auf. Knapp und exemplarisch formuliert: der kulturalistischen Perspektive geht die Natur verloren, und der ökologischen Perspektive gerät die Gesellschaft aus dem Blick. Es gibt weder einen privilegierten Sonderbeobachter noch eine ökologische Abschlußformel für die Unterscheidung von Natur und Gesellschaft. Sie ist eine Unterscheidung in der Gesellschaft.

Diese soziologische Reflexion kann gesellschaftliches Lernen produzieren. Die Referenten plädieren angesichts des unauflöslichen Risikos des Nicht-Wissens für Selbstbeschränkung. Das zentrale praktische Problem bestünde im Wechsel von der symbolischen Kommunikation zur instrumentellen Kommunikation. Sichere die erstere eine Identität, wie bei der Ökologiebewegung, aber bei Risiko des Nicht-Wissens und des Nicht-Lernens, biete die letztere methodisch kontrolliertes Wissen, wie in den Naturwissenschaften, aber auch nur im Zuschnitt symbolischer Rahmung. Sie falle daher ebenfalls unter das Verdikt des Nicht-Wissens. Aber es besteht kein Grund zum Verzweifeln: Prinzipiendissens und pragmatische Verständigung sind möglich, wobei erst die Betonung der pragmatischen Verständigung gesellschaftliches Lernen - bei geschlossenen Toren - möglich macht.

Von einer ganz anderen Machart des Pragmatismus waren die kritischen Thesen und Kommentare Wolfgang van den Daeles (Berlin) zur "Soziologischen Beobachtung der ökologischen Krise". Er zweifelte an, ob wir mit dieser konstruktivistischen Vorgehensweise die theoretischen Probleme überhaupt loswürden. Man solle die Tatsache zur Kenntnis nehmen, daß innerhalb der Gesellschaft das Reden über die ökologische Krise von der Wirklichkeit dieser Krise deutlich unterschieden wird. Die Wissenschaft sei weiterhin die gesellschaftlich relevante Instanz, welche die ökologischen Probleme maßgeblich definiere. Sie bleibe "jenseits des konstruktivistischen Nebels" die schärfste Waffe der Kritik und der ökologischen Bewegungen. Ein Soziologismus, der sich nur auf die Risikokommunikation kapriziert und den Realitätsgehalt ausblendet, bleibt unter Handlungsgesichtspunkten uninformativ, da er nicht einmal zwischen echten Anpassungsproblemen der Gesellschaften und unangepaßten Problemdebatten unterscheiden kann. Die Soziologie ist daher ebenso wie die Ökologie auf die Kooperation mit anderen Disziplinen angewiesen, die etwas über die Wirklichkeit der Probleme aussagen.

Die Diagnose ökologischer Probleme setzt Standards voraus. Diese können nicht aus der Wissenschaft objektiv hergeleitet werden. Sie setzen in der Regel auch schon viel früher an als bei den objektiven Naturgrenzen. Die Standards werden politisch ausgehandelt. Sie definieren nicht Überlebensgrenzen, sondern legen fest, in welcher Natur wir leben wollen. Das Bezugsproblem für die Gestaltung des Naturverhältnisses ist demnach gar nicht die ökologische Krise, sondern es sind die kulturellen Werte und die politischen Präferenzen, die schon im Vorfeld greifen.

Die Industriegesellschaften - so die starke Schlußthese des Referenten - hätten sich in den letzten 50 Jahren als ökologisch anpassungsfähig gezeigt. Das könne an einer Vielzahl von Indikatoren und rechtlichen Instrumenten abgelesen werden. Sie reichen von dynamisierten Vorsorgestandards über Bewirtschaftungsregimes für öffentliche Umweltgüter bis hin zum Einstieg in marktwirtschaftliche Instrumente und in den integrierten Umweltschutz auf dem Wege der Produktverantwortung. Wolfgang van den Daele prognostizierte, daß sich die Industriegesellschaft auch in den nächsten 50 Jahren als ökologisch anpassungsfähig erweisen werde. Es fände also auch kein Aufbruch in eine andere Moderne statt.

Ob man aus einer fünfzigjährigen Erfahrung erfolgreichen institutionellen Lernens eine solche Prognose für die Zukunft wagen kann, das wurde von vielen mit Recht bezweifelt. Auch darf man fragen, ob dieses Lernen ohne den Druck neuer sozialer Bewegungen und ohne den öffentlichen Wertewandel zustandegekommen wäre. Der mit dieser großen Entwarnung an den Tag gelegte Optimismus schießt sicherlich über das Ziel hinaus. Ernstzunehmen sind allerdings die angeführten Bedingungen institutionellen Lernens, daß nämlich alle relevanten Akteure die Objektivität von Umweltproblemen voraussetzen und Wissenschaft als politische Ressource nutzen. Daß die instrumentelle Kommunikation der Wissenschaft letztlich auch Unwissen miterzeugt, ficht diese pragmatische und institutionalistische Sicht nicht an. Ihre Stärke ist die Beobachtung, wie mit der Differenz von Natur und Gesellschaft wirklich umgegangen wird und daß sich dabei das Expertenwissen von größerer Bedeutung als das Laienwissen erweist.

Bei aller Differenz ist dem systemtheoretischen Konstruktivismus und dem institutionalistischen Pragmatismus die soziologistische Position gemeinsam, daß mit den Mitteln der Soziologie die Tore zur natürlichen Umwelt nicht geöffnet werden können. Die Bilder von der Natur werden auf dem eigenen Terrain der Gesellschaft erzeugt und kommuniziert. Angesichts dieser sich selbst sichernden Position taucht jedoch die Frage auf, wie wir und speziell die Wissenschaften es bewerkstelligen, Kontakt mit der Natur hinter den Toren aufzunehmen und wieso wissenschaftliche Konstruktionen ein solches Gewicht in der Gesellschaft erlangen.

Die Antworten, daß dort die Kommunikation am Wahrheitscode orientiert ist oder daß "objektive Wissenschaft" produziert wird, reichen beileibe nicht zur Erklärung. Vielleicht müssen wir doch die Tore passieren und den Naturwissenschaftlern mit Bruno Latour und Karin Knorr Cetina in die Labors folgen, um dann zu erfahren, daß dort ebenfalls eine Gesellschaft zu finden ist, diejenige der Assoziation von agierenden Objekten und handelnden Subjekten, und daß die Besonderheit der wissenschaftlichen Konstruktion darin besteht, der Natur mit besonderer Aufmerksamkeit zu begegnen. Und wenn wir uns dann wieder zurückwenden, sehen wir auf einmal, daß auch die Gesellschaft vor den Toren nicht nur aus Kommunikationen, sondern aus der Verknüpfung von Objekten und Subjekten in heterogenen Netzen besteht, daß lokales Handeln im Medium von Zeichen und Dingen zeit- und raumübergreifend globale Wirkungen zeigt. Wie in den vormodernen Gesellschaften brächen die Natur und die Objekte wieder über uns ein. Die Tore wären nur die Tabus gewesen, welche die Moderne von der Natur und den Dingen abgeschottet hätten, um ihnen den Gesellschaftsstatus zu verwehren und sie daher umso ungestrafter ausbeuten zu können.

So oder ähnlich könnten die Konturen einer Soziologie aussehen, in der Natur zählen würde.

Dabei müßten wir aber das sichere Terrain der vertrauten Soziologie verlassen. Angesichts des Verlusts der gesicherten Grenzen zwischen Natürlichem und Sozialem, zwischen Technischem und Sozialem, würde uns schwindelig werden. Wenn wir das Vertraute aufgäben, wüßten wir noch nicht, was wir gewännen. Die Diskussion auf der Plenarveranstaltung hat gezeigt, daß die Mehrheit sich nicht dazu verleiten lassen will, der Natur und den Objekten Tür und Tor zur Soziologie zu öffnen. Aber viele, vor allem die Jüngeren, wollen sich mit dem jetzigen Zustand einer Soziologie, als ob Natur nicht zählen würde, nicht abfinden.

"Natürlich sozial - Zur Sozialität der Dinge" war auch das Motto der Sitzung der Sektion "Wissenschafts- und Technikforschung". Hier sollten - mit stärkerem Bezug auf die Empirie - verschiedene Zugriffe der Soziologie auf natürliche oder technische Objekte und auf die Kommunikation darüber vorgestellt und diskutiert werden. Jost Halfmann (Dresden) knüpfte an die systemtheoretische Perspektive an. Demnach haben wir keinen Zugang zu der Natur, sondern müssen "die Naturen der Gesellschaft" zum Gegenstand nehmen. Auch die Naturwissenschaften können nicht mehr die Zentralperspektive für die Naturbeobachtung beanspruchen. Denn aus dieser soziologischen Perspektive macht es keinen Sinn, die Natur als "Gegenüber", gar als Dialogpartner, aufzufassen, sondern sie bleibt ein "Außen" vor der Gesellschaft, gleichsam hinter den verschlossenen Toren.

Angesichts dieser Situation käme es zur Differenzbildung zwischen einem Naturbegriff der Naturwissenschaften und einem Naturbegriff der Ökologiebewegung. Was gleichsam durch die Ritzen des Tores an Flimmern und über ihre Kante als Rauschen aus der Natur herüberdringe, dem werde in den Naturwissenschaften eine Ordnung zugeschrieben. Die Kommunikation darüber sei am Wahrheitskriterium orientiert. Es herrsche heute weitgehend Konsens darüber, daß der Naturbegriff der Naturwissenschaften konstruktivistisch gedacht ist.

Die Natur der Ökologiebewegung entsteht im Rahmen der Protestkommunikation und folgt dabei normativen Kriterien. Der Naturbegriff bezieht sich generell auf das Gleichgewichtsmodell der Theorie des Ökosystems und auf ein holistisches Programm der Natursicht. In diesem Rahmen wird der Mensch als geologisches Agens aufgefaßt, das mit seinem Handeln auf reale Grenzen stößt. Der Naturbegriff der Ökologiebewegung ist realistisch gedacht. Es fehlt die Reflexion auf den Beobachter.

Einen Ausweg aus dem Problem der Unerreichbarkeit der anderen Seite könnte die nähere Beschäftigung mit dem Tor selbst als Grenzobjekt sein. In diese Richtung wies der Beitrag "Objekte und Grenzen" von Gerald Wagner (Berlin, z.Zt. Amsterdam). Er unterlief jegliche ontologische Weltaufteilung mit einer pragmatistischen Grenzziehung zwischen Objekten, Akteuren und Texten. Im Sinne Daniel Dennetts wurden sie als sprachliche Unterscheidungen behandelt. Beschreibungen von Objekten und das Handeln mit Objekten seien selbstverständlicher Gegenstand soziologischer Analyse.

Am konkreten Fall der Einführung von Computern in einer Intensivstation wurde demonstriert, wie sich die Assoziation von Objekten, Akteuren und Texten differenziert und immer verschiedener wird. Der Einbau anderer technischer Objekte, wie der Überwachungsmonitore, hat hingegen nicht zu einer weiteren Differenzierung geführt. Der Computer wurde - dabei Winnicott und Star/Griesemer folgend - als "boundary object", als Grenzobjekt, angesehen. Er verband die beiden sozialen Welten der Ärzteschaft und des Pflegepersonals. Sie waren in ihrem Handeln wechselseitig auf die Ein- und Angaben im Computersystem angewiesen. Seine differenzierende Wirkung entfaltete der Dokumentationscomputer, weil er als Agent der Deauthentizisierung der jeweils anderen sozialen Welt wirkte und auch so angesehen wurde: für die Ärzteschaft als Medium der Verwissenschaftlichung und Distanzierung von Patient und Pflege und für das Pflegepersonal als Medium einer ganzheitlichen Pflege. Mit dem Zwang zum Erstellen der Dokumente über die soziale Praxis zeichnete sich ein Trend zur Verstärkung der sozialen Ungleichheit in der Station ab.

Wie technische Bilder und neue bildgebende Verfahren die Arzt-Patient-Kommunikation verändern, war das Thema des Beitrags von Heidrun Kaupen-Haas. In der Medizin habe sich schon mit den Röntgen-Bildern und der Photographie ein "Sichtbarkeits-Paradigma" entwickelt und durchgesetzt. Gegenwärtig vergrößerten neue bildgebende Verfahren, wie Computertomographie oder Ultraschallaufnahmen, die Distanz von Körper und Bild. Ihre Dominanz im ärztlichen Handeln könne anhand der Schwerpunkte bei der ärztlichen Weiterbildung, in medizinischen Handbücher und bei den Kassenabrechnungen nachgewiesen werden, etwa im Vergleich zur Psychosomatik.

Kritisch diagnostizierte die Referentin, daß sich die Orte der face-to-face-Kommunikation verringerten und die Zeiten verkürzten. Die stärkere Mobilisierung der Patienten, die Vervielfältigung der Räume und die Spezialisierung der Ärzte schüfen Probleme der Integration und der Übersetzung zwischen den Feldern.

Die Differenz von Natur und Gesellschaft wird in einzelnen Gesellschaften unterschiedlich wahrgenommen. Die Einbettung in verschiedene nationalspezifische Kulturen kann dafür verantwortlich gemacht werden. Welche Folgen diese Unterschiede für Selbstverständnis und Praxis der deutschen und französischen Umweltberatung haben, darüber berichtete Florence Rudolf (Noisy-le-Grand). Während die deutsche Umweltberatung vom "einzelnen Menschen" , seinem Denken und Verhalten, ausgehe, stünde in Frankreich Umwelt als Kollektivgut im Vordergrund. Die deutschen Umweltberater konzentrierten sich auf eine interaktive Vermittlung, Sensibilisierung und Partizipation der Bürger nach dem Modell der Verbraucher- und Bürgerberatung, in die sie häufig integriert sei. Sie kümmerten sich um "Kleinkram", seien alltagsverbunden und beschäftigten sich mit den konkreten Themen Familie, Haushalt, Kinderernährung und Gesundheit. Handlungs- und Interaktionstheorie lieferten die fundierenden Konzepte. Insgesamt klassifizierte die Referentin die deutsche Umweltberatung als wirksam und demokratisch.

Der französischen Umweltberatung ginge es vorrangig darum, Objekte und Institutionen zu verbessern und ein System zu entwickeln. Sie denke verwaltungsbezogen. Sie orientiere sich an den Naturwissenschaften als Orten der Wissensproduktion. Ihre Themen seien die generellen Probleme der Abfallbeseitigung, der Luftreinhaltung, des Lärmschutzes und der Begrünung. System- und Selbstorganisationstheorien würden zur Begründung bevorzugt. Die Referentin beurteilte die französische Umweltberatung als wenig wirksam und technokratisch. Den Hauptgrund für den unterschiedlichen Erfolg vermutete sie im kulturell geprägten Zugang zum Problem: Im Unterschied zum system- und naturwissenschaftsorientierten Vorgehen führe der Ausgang vom Einzelnen zu einem breiteren Spektrum der Wahrnehmung von Umweltgefährdungen und möglichen Verhaltensweisen dagegen.

Mit welchen Konzepten die Soziologie die ökologische Problematik behandeln kann, war das Thema des abschließenden Vortrags von Karin Dollhausen (Aachen). Sie ging davon aus, daß die ökologische Kritik längst gesellschaftliches Faktum geworden sei. Dafür führte sie das ökologische Bauen als einen Fall von ökologischer Modernisierung an. Die damit verbundenen Probleme lägen jedoch quer zu den tradierten Beschreibungen. Mögliche theoretische Rahmungen böten die Systemtheorie mit ihrer Differenz von System und Umwelt und das Konzept der "nachhaltigen Entwicklung" an. Die Systemtheorie verorte die Ökologieproblematik in den Strukturen gesellschaftlicher Differenzierung. Sie laufe jedoch Gefahr, mit ihrer Annahme der Selbstkonstitution der sozialen Systeme sich auf die symbolische Ebene zurückzuziehen und den Stoffwechsel auszublenden, der für die nachhaltige Entwicklung von zentraler Bedeutung ist. Empirische Referenz sei nur das Reden über ökologische Modernisierung, nicht das Handeln.

Der Kern des Beitrags bestand darin, "soziale Praktiken" als Schlüsselbegriff zu entwickeln, mit dem der Zugang zur symbolischen und stofflichen Ebene ökologischen Bauens gefunden werden sollte. Die Referentin schließt damit an die konstruktivistische Theorie der Beschreibung des alltäglichen sozialen Geschehens an. Als Charakteristika dieses Begriffs nannte sie verschiedene Vorzüge: Tun und Entscheiden würden nicht getrennt. Er schließe das Manipulieren von Energie und Material ein, könne also beschreiben, wie Hand an Materie gelegt werde. Vor allem erlaube er zu zeigen, wie soziale Konstruktionen durch materiale Wirklichkeit eingeschränkt werde. Er sei nie voraussetzungslos, immer konzeptionsgeladen und intensional. Er beschreibe soziales Geschehen, wie es in ein konkretes Praxisfeld eingebunden sei. Ökologisches Bauen liefere ein vorzügliches Untersuchungsfeld, da hier ständige Störungen eine Durchplanung unmöglich machten.

Resümierend läßt sich festhalten, daß die Natur-Gesellschafts-Differenz nicht nur akademisch scheinende theoretische Probleme stellt. Eine Vielfalt gesellschaftlicher Felder und Probleme werden davon berührt und beeinflußt, wie mit dieser Differenz umgegangen wird. Das betrifft die Differenzen zwischen wissenschaftlichen Naturverständnissen und dem Naturbild der Ökologiebewegung, wie sie in vielen Konflikten aufeinandertreffen. Das betrifft das Verhältnis zu den uns umgebenden Objekten, hybriden Systemen und heterogenen Netzwerken, wie sie uns im Labor, im Krankenhaus, an der Börse oder im Netzanschluß zuhause begegnen. Das betrifft unsere Haltung zur Rolle der Naturwissenschaften, zur Organisation der Umweltberatung und zur Politik der nachhaltigen Entwicklung. Die Aufzählung ließe sich leicht erweitern. Aber der springende Punkt ist nicht so sehr die Einsicht in die Relevanz der Problematik, sondern das Problem des theoretischen Zugriffs. Reichen die bewährten soziologischen Theorieinstrumente aus, um die Probleme angemessen zu erfassen. Liegt das relativ spät erwachende Interesse der Soziologie an einem mangelnden Interesse an den Problemen im Umgang mit der Natur oder hat die Verspätung systematische Gründe in der Gründungsgeschichte und im Gesellschaftsbegriff des Fachs? Immerhin wurde demonstriert, daß systemtheoretische Pointierungen, pragmatistische Problemzugänge und institutionalistische Erklärungen etwas zur soziologischen Aufklärung der ökologischen Problematik beizutragen haben. Aber in manchen Referaten wurde auch in Umrissen sichtbar, daß es sich lohnen würde, die enge soziologistische Position so zu dehnen, daß auch Körper, Dinge und Naturphänomene erfaßt werden können. Sie brauchte nicht gleich mit Berührungsängsten und Identitätsproblemen auf solche Zumutungen reagieren.