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TU Berlin

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TransSoft: Techniken und Praktiken der Zusammenarbeit in transnationalen Projekten der Softwareentwicklung / Collaborative Technologies and Practices in Projects of Transnational Software-Development

DFG-Projekt, geförderte Laufzeit: 01.02.2013 – 29.02.2016
 

Lupe [1]

Summary

In the face of growing transnationalisation of work, collaboration within transnational distributed work collaboration becomes an increasingly relevant scientific and societal topic. In the digital age, collaboration within spatially distributed work arrangements always is structured by technology. Previous social science research has paid little attention to this, since it has been primarily focused on consequences of transnational work on working conditions, work patterns, and qualification requirements. The research project addresses this research gap by studying the interaction between the technically structured procedures of collaboration in transnational teams and the team members’ profession-, organization-, and culture-specific work practices. Aim of the research project is to empirically explore the technical institutionalization of collaboration structures of transnational work. The term technical institutionalization serves to describe an interrelation between two different objectifications of work structures and working procedures: their objectification as technical standards and algorithms of the tools used to support collaborative work, and their objectification in form of corresponding practices of collaborative work. Transnational projects of software-development constitute the empirical domain for the research. Outsourcing and offshoring – options made much easier to realize by the existing information infrastructure – are used in particular for ework (or telework). Within the field of ework IT-services more than other tasks are subject to outsourcing and offshoring. The most important kind of IT-services for outsourcing and offshoring are tasks of software-development. This makes transnational projects of software-development an empirical field especially suited for research on transnational work collaboration.
 

Zusammenfassung

Ein Aspekt der Digitalisierung des Arbeitslebens ist es, dass ein beständig wachsender Teil des gesellschaftlichen Arbeitsvorkommens in Form von Telearbeit durchgeführt werden kann. Gegenstand von Telearbeit können alle informationsverarbeitenden Arbeitstätigkeiten werden, deren Inputs und Ergebnisse sich in Form digitaler Zeichenketten kodieren und übermitteln lassen und die sich dementsprechend im Prinzip von jedem Ort aus durchführen lassen. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage der Strukturierung der Zusammenarbeit in räumlich verteilten Arbeitszusammenhängen wissenschaftlich wie gesellschaftspolitisch an Bedeutung. Zusammenarbeit in räumlich verteilten Arbeitszusammenhängen ist im Zeitalter der Informationstechnologie immer auch technisch vorstrukturierte Zusammenarbeit. Diesen, in der sozialwissenschaftlichen Forschung über das Offshoring von Arbeitstätigkeiten bislang wenig thematisierten Aspekt hat das Projekt für den Fall transnationaler Projekte der Softwareentwicklung empirisch untersucht.

Als Ergebnis eines außerordentlich aufwändigen Akquise-Prozesses können wir unsere Ergebnisse auf vier Fallstudien stützen, die vier zum Untersuchungszeitpunkt laufende transnational verteilte Softwareprojekte zum Gegenstand haben und die wir sowohl am westeuropäischen Haupt-wie auch am osteuropäischen Verlagerungsstandort beforschen konnten. Es gibt nach unserer Kenntnis zumindest für Europa bislang keine andere sozialwissenschaftliche Studie, die diese Art von Feldzugang in diesem Umfang aufweist.

Unsere Frage nach den Techniken und Praktiken der Zusammenarbeit in transnationalen Softwareprojekten zielte in erster Linie auf die Rolle stark strukturierter Software-Werkzeuge und den Umgang mit ihnen. Dahinter stand die Vermutung, dass die Möglichkeit der technischen Strukturierung der gemeinsamen Arbeitsaufgabe sich begünstigend auf die Kooperation zwischen räumlich verteilten Projekt-mitarbeiter auswirken würde. Diese Vermutung wird in unseren Fallstudien auch deutlich bestätigt. Überraschend für uns war jedoch, in welchem Umfang die sachtechnisch verfestigten Verfahren in Gestalt der betreffenden Software-Werkzeuge in Abhängigkeit zu vorgängigen Verfahren stehen, die in Gestalt von Vorgehensmodellen und damit in Form von Organisationstechniken verfestigt sind.

Ein zweiter überraschender Befund ist das außerordentlich hohe Niveau an technischer und organisatorischer Standardisierung, verbunden mit einem erstaunlich hohen Einsatz stark strukturierter Werkzeuge, das bzw. den wir in den von uns beforschten kleinen und mittelgroßen Softwareprojekten vorgefunden haben. Diese Standardisierung beruht primär auf De-facto-Standards und erfasst ein weites Spektrum unterschiedlicher Komponenten des Arbeitszusammenhanges der Softwareproduktion. Es sind nicht die einzelnen technischen Standards für sich genommen, sondern der Zusammenhang miteinander kompatibler technischer, organisatorischer, tätigkeitsbezogener, sprachlicher und begrifflicher Standards, der erst zusammengenommen für das vorgefundene Niveau an Homogenisierung der beobachteten Arbeitszusammenhänge verantwortlich ist. Diese verteilte Standardisierung scheint uns als Ermöglichungsbedingung grenz- und kulturübergreifender Arbeitszusammenhänge von großer Bedeutung zu sein. 
 

Projektteam

Prof. Dr. Ingo Schulz-Schaeffer
Matthias Bottel, MA
Dr. Melike Şahinol
Mag. Soz. Anna Proc
Christoph Potempa (stud. Hilfskraft)
Marina Jakowski (stud. Hilfskraft)
Eltje Gajewski (stud. Hilfskraft) 
 

Projektpublikationen

Schulz-Schaeffer, Ingo und Matthias Bottel. 2018. Die Herstellung transnational mobiler Arbeitstätigkeiten in der Softwareentwicklung. In Transnationalisierung der Arbeit, Hrsg. Quack, Sigrid, Ingo Schulz-Schaeffer, Karen Shire und Anja Weiß (im Erscheinen).

Schulz-Schaeffer, Ingo und Matthias Bottel. 2017. Regulierung durch Technik: Arbeitsverteilung und Arbeitsorganisation in Projekten transnational verteilter Softwareentwicklung. In Geschlossene Gesellschaften. Verhandlungen des 38. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Bamberg 2016, Hrsg. Lessenich, Stefan. http://publikationen.soziologie.de/index.php/kongressband_2016. [2]

Bottel, Matthias, Eltje Gajewski, Christoph Potempa, Melike Şahinol und Ingo Schulz-Schaeffer. 2016. Offshoring und Outsourcing von Arbeitstätigkeiten, insbesondere von Telearbeit und Tätigkeiten der Softwareentwicklung. Ein Literaturbericht. TUTS-WP-1-2016. http://www.ts.tu-berlin.de/fileadmin/i62_tstypo3/TUTS-WP-1-2016_Offshoring_OutsourcingVonArbeit-3.pdf. [3]
 

Projektpräsentationen

Ingo Schulz-Schaeffer, Melike Şahinol, Matthias Bottel: „Collaborative Technologies and Prac-tices in Transnational Projects of Software-Development – Preliminary Research Results“, Vortrag auf dem Workshop on Transnational Labor Markets: Bridging Different Regulatory and Cultural Contexts, 26.-27.06.2014 in Duisburg

Ingo Schulz-Schaeffer, Matthias Bottel: „Techniken und Praktiken der Kooperation in transna-tional verteilten Projekten der Softwareentwicklung – Erste Projektergebnisse“, Vortrag im Institutskolloquium des Instituts für Soziologie an der Universität Duisburg-Essen am 27.05.2015 in Duisburg

Ingo Schulz-Schaeffer, Matthias Bottel: „Transnationally Distributed Software-Engineering: Do Technological Standardization and Professional Homogenization Make Cultural Barriers Disappear?“ Vortrag auf dem Third ISA Forum of Sociology “The Futures we want: Global Sociology and the Struggles for a better World”, 10.-14.07. 2016 in Wien

Ingo Schulz-Schaeffer, Matthias Bottel: „Governance by technology in teams of transnationally distributed software development”, Vortrag auf dem Joint Meeting der Society for the Social Study of Science and Technology (4S) und der European Association for the Study of Science and Technology (EASST) “Science and Technology by other Means”, 31.08.-03.09.2016 in Barcelona

Ingo Schulz-Schaeffer, Matthias Bottel: „Regulierung durch Technik. Arbeitsverteilung und Arbeitsorganisation in Projekten transnational verteilter Softwareentwicklung“, Vortrag auf dem 38. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie "Geschlossene Gesellschaften", 26.-30.09.2016 in Bamberg

Ingo Schulz-Schaeffer, Matthias Bottel: „Standards as emerging properties of socio-material networks. Empirical evidence from case studies on collaborative software development“, Vortrag auf der 16th Annual STS Conference Graz 2017 „Critical Issues in Science, Technology and Society Studies“, 08.-09.05.2017 in Graz 
 

Projektdesign

Für die Bearbeitung der Frage nach der Bedeutung stark strukturierter Softwareentwicklungs-Werkzeuge für die Zusammenarbeit in transnationalen Projektteams haben wir im Projektverlauf eine Literaturstudie und zwei empirische Studien vorgenommen. Die Literaturstudie diente dazu dienen, die These von der Vorreiterrolle der Softwareentwicklung bei der Transnationalisierung von Telearbeit sekundäranalytisch zu überprüfen. Als erste empirische Studie wurden Experteninterviews mit Wissenschaftlern und industriellen Praktikern durchgeführt, die über verteilte, kollaborative Softwareentwicklung forschen bzw. sie in ihrer beruflichen Praxis erleben. Ziel dieser Erhebung war die Erarbeitung des Standes der Technik und Praxis im Bereich der kollaborativen Softwareentwicklung. Den empirischen Hauptteil und Schwerpunkt des TransSoft-Projektes bildete die zweite empirische Studie, deren Gegenstand es war, Fallstudien transnationaler Softwareentwicklungsprojekte durchzuführen, um die Praxis transnationaler Kollaboration in Softwareentwicklungsprojekten in situ zu erforschen. Hier wurden Softwareprojekte westeuropäischer Unternehmen beforscht, bei denen einen Teil der Entwicklungsarbeit nach Ost- und Südeuropa verlagert wurde.

Experteninterviews

Um zu einer umfassenderen Einschätzung des Standes der Technik und Praxis im Bereich der verteilten, kollaborativen Softwareentwicklung zu gelangen als sie sich allein auf der Grundlage der entsprechenden Literatur gewinnen lässt, haben wir während des ersten Jahres der Projektlaufzeit jeweils etwa zehn leitfadengestützte Experteninterviews mit universitären Wissenschaftlern aus dem Bereich des Softwareengineerings und mit Softwareentwicklern aus der beruflichen Praxis geführt.

Gegenstand der Interviews waren die folgenden drei Themenfelder: (1) Vorzüge und Probleme verteilter Softwareentwicklung; (2) Werkzeuge und Verfahren, die in der verteilten Softwareentwicklung genutzt werden, und (3) die Strukturierungswirkungen und Steuerungseffekte dieser Werkzeuge und Verfahren für verteilte Softwareentwicklung. Die Interviews wurden aufgezeichnet, transkribiert und mithilfe der Inhaltsanalyse-Software MaxQDA kodiert. Die Inhaltsanalyse zeigte, dass bei den akademischen wie bei den professionellen Experten die folgenden Gruppen von Software-Werkzeugen im Zusammenhang mit verteilter Softwareentwicklung als relevant betrachtet werden: Integrierte Entwicklungsumgebungen (IDEs) und Kollaborative Entwicklungsumgebungen (CDEs), Werkzeuge für Projektmanagement, für Visualisierungen, für Dokumentation und Kommunikation sowie für Versionsverwaltung.

Die der Entwicklung des Projektvorhabens zu Grunde gelegte Literatur ergab, dass sich in den 2000er-Jahren drei Pfade der Entwicklung von Werkzeugen für kollaborative Softwareentwicklung herausbildeten: (1) Unterstützung einzelner Arbeitsschritte durch auf sie zugeschnittene Werkzeuge, (2) die inkrementelle Erweiterung der Integrierten Entwicklungsumgebungen – die zunächst Werkzeugkästen für den einzelnen Softwareentwickler waren – um kollaborative Funktionen und (3) Gesamtlösungen in Form Kollaborativer Entwicklungsumgebungen, also in Gestalt von Werkzeugkästen, die von vornherein für Teams von Programmierern entworfen werden. Der in der Literatur verschiedentlich vermittelte Eindruck, dass Kollaborative Entwicklungsumgebungen den Königsweg bildeten, bestätigte sich in unseren Interviews nicht. Gegen sie spricht demnach zum einen, dass ihre Einführung und Instandhaltung im Rahmen eines kollaborativen Softwareentwicklungsprojektes recht aufwändig und teuer ist, und zum anderen, dass die gebräuchlichen Werkzeuge zur Unterstützung kollaborativer Projekte inzwischen recht umstandslos als Plug-ins in die etablierten Integrierten Entwicklungsumgebungen einbauen lassen. Darüber hinaus gilt ganz allgemein – und hier bestätigt unsere Expertenstudie die Literatur –, dass die Bereitschaft zum Einsatz komplexer Werkzeuge direkt korreliert mit der Größe der Entwicklungsprojekte.

Zwei für uns überraschende Befunde aus der Expertenstudie waren zur Einordnung der Beobachtungen aus den Fallstudien von großer Wichtigkeit: (1) Obwohl Software inzwischen in beträchtlichem Umfang durch räumlich verteilte Teams entwickelt wird (sei es onshore oder offshore), werden in sehr geringem Umfang Werkzeuge speziell für diese Situation entwickelt. Die allermeisten der Werkzeuge, die in räumlich verteilten Entwicklungsprojekten genutzt werden, werden auch in kollaborativen Projektteams eingesetzt, die gemeinsam vor Ort arbeiten und stammen entwicklungsgeschichtlich aus dieser Situation. (2) Das Vorgehensmodell, das der Softwareentwicklung zu Grunde gelegt wird, bestimmt in entscheidender Weise, welche Werkzeuge zum Einsatz kommen. Dies gilt nicht nur für die Projektmanagement-Werkzeuge, für die man dies erwarten würde, sondern auch für viele der Werkzeuge, die die Arbeit am Produkt selbst unterstützen. Ganze Werkzeuggattungen (z.B. die Werkzeuge der Continuous Integration) wurden speziell für eine Sorte von Vorgehensmodellen (die agilen Verfahren) entwickelt.

Fallstudien transnationaler Softwareprojekte

Den empirischen Hauptteil des Projektes bildete die Erforschung der Koordinationswirkung stark strukturierter Softwareentwicklungs-Werkzeuge am Gegenstand laufender transnationaler Softwareprojekte. Dazu wurden vier Fallstudien durchgeführt. Jedes der vier Softwareprojekte wurde von einem transnational verteilten Team von einem westeuropäischen Unternehmen mit einem ost- oder südosteuropäischen Nearshore-Partner durchgeführt. Die empirischen Erhebungen wurden in zwei Phasen durchgeführt. Dadurch sollte zu einen eine reichhaltigere, weil aus unterschiedlichen Projektzeiträumen stammende Kenntnis über das jeweilige Projekt gewonnen werden. Zum anderen sollte damit die Möglichkeit eröffnet werden, an unklaren Punkten nachfragen bzw. einen zweiten Blick auf das Geschehen werfen zu können. Jede Erhebung umfasste Leitfadeninterviews und Beobachtungsinterviews. Jede dieser Erhebungen wurde sowohl am westeuropäischen Standort als auch am Nearshore-Standort des betreffenden Projekts durchgeführt. Zudem wurden die Fälle so ausgewählt, dass im Sample sowohl Entwicklungsprojekte enthalten sind, bei denen der Nearshore-Standort ein eigenständiges Unternehmen ist, wie auch solche, bei denen es sich um eine Tochterfirma des westeuropäischen Standorts handelt.

Vor allem die Anforderung, sowohl von den Entscheidungsträgern am Haupt- wie am Verlagerungsstandort die Zustimmung zu erhalten, das betreffende Projekt beforschen zu dürfen, verbunden mit der Anforderung, dass es sich um zum Untersuchungszeitpunkt laufende Projekte handeln sollte, hat die Akquise der Fälle ausgesprochen aufwändig gestaltet. Die Akquise-Bemühungen umfassten an die 200 Kontaktanbahnungen per Telefon, Email und einschlägigen Business-Netzwerken wie XING und LinkedIn zu deutschen und westeuropäischen Firmen. Weiterhin haben wir 175 Kontaktanbahnungen zu Nearshore-Anbietern für Softwareentwicklung in Osteuropa unternommen. Hierfür haben wir die Auslandshandelskammern von Deutschland, Tschechien, Weißrussland, Bulgarien, Ukraine, Slowakei und Rumänien angeschrieben, sowie deren Firmenverzeichnisse (soweit vorhanden) nach möglichen Kooperationspartnern durchsucht. Für die Akquise haben wir u.a. eine Pressemitteilung erstellt und in Englisch und Polnisch übersetzt. Diese Bemühungen führte zu etwa 35 Kontakten mit Managern und Softwareentwicklern, bei denen sich die Diskussion der Möglichkeit eines geeigneten Zugangs für uns häufig über mehrere Wochen oder Monate erstreckte. Sie führten im Ergebnis zu den vier Feldzugängen. Es gibt nach unserer Kenntnis zumindest für Europa bislang keine andere sozialwissenschaftliche Studie, die diese Art von Feldzugang in diesem Umfang aufweist.

Die erste Erhebungsphase fand von Oktober 2013 bis Oktober 2014 statt, die zweite Phase von Februar 2014 bis Januar 2015. In jeder Erhebungsphase wurden in jedem der Fälle durchschnittlich zwei Interviews mit Projektbeteiligten am Hauptstandort und zwei Interviews mit Projektbeteiligten am Nearshore-Standort durchgeführt. Typischerweise war jeweils einer der Gesprächspartner ein Teammitglied mit leitender Funktion (Projektleiter, Softwarearchitekt oder leitender Softwareentwickler) und der andere Gesprächspartner ein ausführender Softwareentwickler. Etwa drei Viertel der Interviews in der ersten Erhebungsphase und nahezu alle Interview in der zweiten Phase konnten über das reine Interviewgespräch hinaus als Beobachtungsinterviews durchgeführt werden. D.h. hier wurden die entsprechenden Interviewanteile durchgeführt während der Gesprächspartner sich am Projektarbeitsplatz befand und uns die Software-Werkzeuge und die Art ihres Einsatzes im Projekt direkt vorführen konnte.

Für alle drei Teilstudien in unserem Projektdesign haben wir verschriftlichte Auswertungen erstellt. Im Fall der Literaturstudie ist dies der Literaturbericht über Offshoring und Outsourcing von Arbeitstätigkeiten (vgl. unter Projektpublikationen). Für die Auswertung der Experteninterviews wurden auswertende Zusammenfassungen aller Hauptkodes aus der Kodierung der Interviews vorgenommen. Die Befunde aus den beforschten transnationalen Softwareprojekten haben wir in umfassenden Fallstudienberichte zusammengetragen. Zum Zweck der Querauswertung der Fallstudien ist jede der Fallstudien anschließend noch einmal unter Zugrundelegung einer übergreifenden thematischen Systematik ein zweites Mal verschriftlicht worden. 
 

Zentrale Ergebnisse

Neben einer Vielzahl von Einzelergebnissen, auf die wir hier nicht eingehen können, stechen zwei übergreifende Befunde heraus, die vor dem Hintergrund der Ausgangsüberlegungen durchaus unerwartet waren. Unsere Frage nach den Techniken und Praktiken der Zusammenarbeit in transnationalen Softwareprojekten zielte in erster Linie auf die Rolle stark strukturierter Software-Werkzeuge und den Umgang mit ihnen. Dahinter stand die Vermutung, dass die Möglichkeit der technischen Strukturierung der gemeinsamen Arbeitsaufgabe sich begünstigend auf die Kooperation zwischen räumlich verteilten Projektmitarbeiter auswirken würde. Diese Vermutung wird in unseren Fallstudien auch deutlich bestätigt. Überraschend für uns war jedoch, in welchem Umfang die sachtechnisch verfestigten Verfahren in Gestalt der betreffenden Software-Werkzeuge in Abhängigkeit zu vorgängigen Verfahren stehen, die in Gestalt von Vorgehensmodellen und damit in Form von Organisationstechniken verfestigt sind. Ein Beispiel zur Veranschaulichung:

Es gibt ein Software-Werkzeug namens „Continuous Integration Server“, das dazu dient, kontinuierlich neue Stücke Software in den erreichten Stand des bereits programmierten Software-Codes zu integrieren, daraus ein lauffähiges Programm zu generieren und es auf Integrationsprobleme hin zu testen. Ein Continuous Integration Server ist ein stark strukturiertes Software-Werkzeug in unserem Sinne. Indem es dafür sorgt, dass die Arbeitsergebnisse der beteiligten Entwickler in das Gesamtprodukt eingefügt wird und überprüft, ob alles passt, übernimmt es zugleich ein Stück der Koordination der Zusammenarbeit. Zugleich steht dieses Werkzeug in direkter Abhängigkeit von dem Vorgehensmodell der agilen Programmierung. Kern dieses Vorgehensmodells ist es, Software in einer Abfolge kurzer Entwicklungszyklen zu entwickeln, wobei am Ende jedes Zyklus‘ ein lauffähiges Produkt stehen muss, das im nächsten Entwicklungszyklus um weitere Funktionalitäten erweitert wird. Kontinuierliche Integration neuer Programmteile ist eine durch die agilen Vorgehensmodelle hervorgerufene Anforderung. Denn hier ist das Ziel ja, jeden Zyklus mit einer lauffähigen Version des Programms zu beenden, in der der erreichte Entwicklungsfortschritt enthalten ist.

Nun ist es aus techniksoziologischer Perspektive zwar keineswegs überraschend, dass ein funktionierender technischer Wirkungszusammenhang nicht allein aus sach­technisch verfestigten Verfahren besteht, sondern es stets korrespondierender handlungs- oder organisationstechnischer Komponenten bedarf. Überraschend aber sind die Führungsverhältnisse, d.h. der Umfang, in dem die Software-Werkzeuge, um deren koordinative Wirksamkeit es uns ging, von einem vorgängigen Vorgehensmodell der Softwareentwicklung abhängen. Die von uns aufgefundene koordinative Wirksamkeit stark strukturierter Software-Werkzeuge ist in unserem Fall mithin eine Wirksamkeit, die in beträchtlichem Umfang originär von einer bestimmten Organisationstechnik ausgeht, nämlich dem Verfahrensmodell der agilen Programmierung, das in allen von uns beforschten Softwareprodukten in der Ausprägung des Scrum-Verfahrens verwendet wurde.

Dieser Befund ist zudem noch deshalb überraschend, weil das Vorgehensmodell der agilen Programmierung und das Scrum-Verfahren ursprünglich ganz ausdrücklich für Teams ko-präsenter Entwickler konzipiert wurde, was für die alternative Verfahrensmodell-Familie der sogenannten Phasen- oder Wasserfallmodelle nicht gilt. Dennoch erweist sich das Scrum-Modell den konkurrierenden Phasenmodellen, die stärker auf arbeitsteilige Strukturierung der Arbeitsaufgabe setzen, auch und gerade in transnational verteilten Softwareprojekten häufig als überlegen. Die Gründe dafür, die sich aus unseren Fallstudien ableiten lassen, haben wir in Schulz-Schaeffer/Bottel (2017a, unter Projektpublikationen) näher ausgeführt.

Der zweite überraschende Befund im Bereich der übergreifenden Ergebnisse ist das außerordentlich hohe Niveau an technischer und organisatorischer Standardisierung, verbunden mit einem erstaunlich hohen Einsatz stark strukturierter Werkzeuge, das bzw. den wir in den von uns beforschten kleinen und mittelgroßen Softwareprojekten vorgefunden haben. Interessant ist dieser Befund insbesondere deshalb, weil diese Standardisierung primär auf De-facto-Standards beruht und weil sie ein weites Spektrum unterschiedlicher Komponenten des Arbeitszusammenhanges der Softwareproduktion erfasst. Es sind nicht die einzelnen technischen Standards für sich genommen, sondern der Zusammenhang miteinander kompatibler technischer, organisatorischer, tätigkeitsbezogener, sprachlicher und begrifflicher Standards, der erst zusammengenommen für das vorgefundene Niveau an Homogenisierung der beobachteten Arbeitszusammenhänge verantwortlich ist.

Es bietet sich an, auf das Konzept des sozio-technischen Regimes zurückzugreifen, um die Spezifik der verteilten Standardisierung zu erfassen, der für die von uns beforschten Arbeitszusammenhänge charakteristisch ist. Das Konzept des sozio-technischen Regimes führt die Stabilität und Kohärenz dominanter technischer Designs und etablierter technischer Trajektorien auf spezifische Komplexe von Wissen, Dingen und Praktiken zurück. Ein sozio-technisches Regime besteht danach aus den kognitiven Routinen der jeweiligen Ingenieur-Gemeinschaft, aus Vorschriften und Regelungen, technischen Standards, Kompetenzen und vorhandenen technischen Ausstattungen und Infrastrukturen. Viele der verschiedenen Komponenten des sozio-technischen Regimes der kollaborativen Softwareentwicklung, so unser Befund, sind Gegenstand von De-facto-Standardisierung, also von Standards, die sich im Prozess der Etablierung dieses Regimes ausgebildet haben.

So wie erst das Zusammenwirken dieser Komponenten das sozio-technische Regime stabilisiert, so ist es auch erst das Zusammenwirken der Standardisierungen dieser Komponenten, das im Fall der kollaborativen Softwareentwicklung die beobachtete Homogenität des Arbeitszusammenhanges der verteilten Softwareentwicklung erzeugt. Konkret sehen wir diesbezüglich einen Zusammenhang der folgenden Komponenten: (a) etablierte Vorgehensmodelle der Softwareentwicklung, (b) in der Profession bekannte und durchgesetzte Software-Werkzeuge, die die Verfahren der Vorgehensmodelle unterstützen, (c) technische Standards der Interoperabilität, die es ermöglichen, die gewünschten Software-Werkzeuge umstandslos als Plug-ins in die verwendete Softwareentwicklungsumgebung zu integrieren, (d) geteiltes Wissen der Softwareentwickler über die einschlägigen Vorgehensmodelle, die zugehörigen Software-Werkzeuge und deren Benutzung, (e) geteilte Arbeitspraktiken und (f) gemeinsame Sprachen: Englisch als Arbeitssprache, verbreitete Programmiersprachen sowie ein „Tech-speak“ bezogen auf Arbeitspraktiken, Werkzeugbenutzung usw.

Diese verteilte Standardisierung scheint uns in mindestens zweierlei Weise bezogen auf Kooperation in transnationalen Softwareprojekten erklärungskräftig zu sein: (1) Der Umstand, dass das sozio-technische Regime der kollaborativen Softwareentwicklung den Beteiligten in so vielen unterschiedlichen Hinsichten einen gemeinsamen Boden unter den Füßen verschafft, bildet ein deutliches Gegengewicht gegen die Beeinträchtigungen und Behinderungen der Kooperation, die durch das Fehlen von Face-to-face-Interaktionen, durch das Fehlen einer gemeinsamen Muttersprache, durch kulturelle Unterschiede und Unterschiede in den Lebenswirklichkeiten der Beteiligten bewirkt werden bzw. bewirkt werden können. (2) Die beobachtete verteilte Standardisierung ist eine recht flexible Form der Standardisierung, da sie nicht auf einer Vorgabe beruht, sondern einem Zusammenhang von Vorgaben, der auch dann noch Wirksamkeit entfaltet, wenn die einzelnen Komponenten in unterschiedlicher Gewichtung und Konfiguration eingesetzt werden. Dies hilft zu erklären, weshalb wir in transnationalen Softwareprojekten zunehmend auch eine Verlagerung gestaltender und nicht nur ausführender Tätigkeiten beobachten lassen, also solcher Tätigkeiten, die sich nicht auf dem Wege starrer Standards koordinieren lassen. 

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